DGI:Antibiotikatherapie bei Sepsis/Diagnostik: Difference between revisions

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==Diagnostik==
Die dysregulierte Immunantwort auf eine Infektion (Auslöser der Sepsis) ist für die Entstehung und den Verlauf der Sepsis entscheidend. Dabei ist das Gleichgewicht zwischen pro- und anti-inflammatorischen Faktoren / Mechanismen gestört. Diese Dysregulation führt zu Störungen der Mikrozirkulation und der mitochondrialen und immunologischen Funktion mit konsekutiver Störung der Organfunktionen. Folgende Organe können betroffen sein: ZNS (septische Enzephalopathie), Lunge (ARDS), Niere (ANV), Leber (akutes Leberversagen), Herz (septische Kardiomyopathie), Darm (paralytischer Ileus).
====Diagnosekriterien====
'''SOFA (Sequential Organ Failure Assessment) Score'''
Die mit einer Sepsis einhergehenden Organdysfunktionen lassen sich mit Hilfe des sogenannten SOFA (Sequential Organ Failure Assessment) Score quantifizieren. Bei einem Punktwert ab 2 und vorliegender Infektion ist eine Sepsis wahrscheinlich:
{| class="wikitable bs-exportable MsoTableGrid" border="1" cellspacing="0" cellpadding="0" style="border-collapse:collapse;border:none;mso-border-alt:solid windowtext .5pt;"
|+SOFA (Sequential Organ Failure Assessment) Score
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |
| style="width:52.35pt;" width="70" valign="top" |0
| style="width:52.35pt;" width="70" valign="top" |1
| style="width:63.2pt;" width="84" valign="top" |2
| style="width:76.75pt;" width="102" valign="top" |3
| style="width:76.75pt;" width="102" valign="top" |4
|- style="mso-yfti-irow:1"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Atmung


paO2/FiO2  [mmHg]
Die Diagnostik stützt sich zum einen auf das Erkennen der Sepsis und die Evaluation der Organfunktion und zum anderen auf die mikrobiologische Diagnostik der zu Grunde liegenden Infektion.
| style="width:52.35pt;" width="70" |> 400
| style="width:52.35pt;" width="70" |< 400
| style="width:63.2pt;" width="84" |< 300
| style="width:76.75pt;" width="102" |< 200
 
(maschinelle Beatmung)
| style="width:76.75pt;" width="102" |< 100
 
(maschinelle Beatmung)
|- style="mso-yfti-irow:2"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Gerinnung
 
Thrombozytenzahl x103/µl
| style="width:52.35pt;" width="70" |> 150
| style="width:52.35pt;" width="70" |< 150
| style="width:63.2pt;" width="84" |< 100
| style="width:76.75pt;" width="102" |< 50
| style="width:76.75pt;" width="102" |< 20
|- style="mso-yfti-irow:3"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Leber
 
Bilirubin [mg/dl]
| style="width:52.35pt;" width="70" |< 1,2
| style="width:52.35pt;" width="70" |1,2-1,9
| style="width:63.2pt;" width="84" |2,0-5,9
| style="width:76.75pt;" width="102" |6,0-11,9
| style="width:76.75pt;" width="102" |> 12,0
|- style="mso-yfti-irow:4"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Herz-Kreislauf-System
 
Mittlerer art. Druck  [mmHg]
| style="width:52.35pt;" width="70" |> 70
| style="width:52.35pt;" width="70" |< 70
| style="width:63.2pt;" width="84" |Dopamin < 5
 
 
oder
 
 
Dobutamin *
| style="width:76.75pt;" width="102" |Dopamin 5,1-15
 
 
oder
 
 
Adrenalin < 0,1
 
 
oder 
 
NA < 0,1
| style="width:76.75pt;" width="102" |Dopamin >15
 
 
oder
 
 
Adrenalin > 0,1
 
 
oder
 
 
NA > 0,1
|- style="mso-yfti-irow:5"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Nervensystem
 
GGS
| style="width:52.35pt;" width="70" |15
| style="width:52.35pt;" width="70" |13-14
| style="width:63.2pt;" width="84" |10-12
| style="width:76.75pt;" width="102" |6-9
| style="width:76.75pt;" width="102" |< 6
|- style="mso-yfti-irow:6"
| style="width:131.7pt;" width="176" valign="top" |Niere
 
Kreatinin [mg/dl] oder
 
Urinausscheidung [ml/h]
| style="width:52.35pt;" width="70" |< 1,2
mg/dl
| style="width:52.35pt;" width="70" |1,2-1,9
mg/dl
| style="width:63.2pt;" width="84" |2,0-3,4
mg/dl
| style="width:76.75pt;" width="102" |3,5-4,9
mg/dl oder
 
< 500 ml
| style="width:76.75pt;" width="102" |> 5,0 mg/dl oder <200 ml
|}
<nowiki>*</nowiki> Katecholamindosen in µg/kg KG/min für mind. <span style="font-size:12.0pt;font-family:&quot;Calibri&quot;,sans-serif;
mso-ascii-theme-font:minor-latin;mso-hansi-theme-font:minor-latin;mso-bidi-theme-font:
minor-latin;mso-ansi-language:EN-US">1h; NA Noradrenalin nach Vincent JL, et al. Int Care Med 1996; 22: 707-710</span>
 
 
Der SOFA Score ist aufwändig zu ermitteln und deshalb außerhalb von Intensivstationen ungeeignet.
 
'''quick SOFA (qSOFA) Score'''
 
Der einfacher zu erhebende quick SOFA (qSOFA) Score kann als Screening auf Normalstationen und in Notaufnahmen herangezogen werden. Auch hier gilt, dass bei 2 oder mehr erfüllten Kriterien bei vorliegender Infektion eine Sepsis wahrscheinlich ist:
 
 
'''qSOFA Kriterien'''
 
*Atemfrequenz > 22
*Syst. Blutdruck < 100mmHg
*Veränderte Bewusstseinslage
 
Es ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass ein negativer qSOFA Score eine Sepsis nicht ausschliesst. Die Spezifität des qSOFA Score ist hoch, bei gleichzeitig schlechter Sensitivität.
 
<br />
 
====Diagnostische Schritte====
{{Hinweis|boxtype=warning|text=Die Diagnostik darf bei Sepsisverdacht, insbesondere bei septischem Schock, den Beginn einer adäquaten Therapie innerhalb einer Stunde nicht verzögern!|boxlabel=CAVE:}}
 
 
Nach dem „Sepsis Campaign Bündel“ sollten innerhalb der ersten Stunde folgende Maßnahmen erfolgen:
 
*Messung Lactat (Lactat erneut kontrollieren, wenn es erhöht war (>2 mmol/l))
*Abnahmen von Blutkulturen vor Gabe der Antibiotika
*Gabe von Breitspektrum-Antibiotika
*Rasche Gabe von 30 ml/kg kristalloider Infusionslösungen bei Hypotension oder erhöhtem Lactatspiegel ≥4 mmol/l
*Gabe von Vasopressoren, wenn die Hypotension während oder nach der Gabe der Kristalloide weiterbesteht, um einen mittleren arteriellen Druck von (MAP) ≥65 mm Hg zu erzielen
 
Eine frühzeitige Flüssigkeitstherapie mit kristalloiden Lösungen sollte bei Sepsis-induzierter Hypotonie begonnen werden und die Verlegung je nach klinischer Präsentation auf eine IMC oder Intensivstation erfolgen. Eine trotz adäquater Volumengabe zur Aufrechterhaltung eines MAP > 65mmHg notwendige Vasopressorentherapie oder ein Laktatwert > 2mmol/l sind Zeichen für einen septischen Schock. Hierbei sollte neben der hämodynamischen Stabilisierung auch eine Normalisierung der Laktatwerte als Steuerungsparameter herangezogen werden.
 
Die weiterführende Diagnostik zielt vor allem auf die Fokussuche mit nachfolgender möglichst rascher Fokussanierung und die Erregeridentifikation zur Fokussierung der antiinfektiven Therapie. Die Diagnostik darf bei Sepsisverdacht, insbesondere bei septischem Schock, den Beginn einer adäquaten Therapie innerhalb einer Stunde nicht verzögern!
 
*'''Ausführliche körperliche Untersuchung:'''
**Temperaturmessung, Haut- Schleimhautbefunde, Lymphknotenstatus, Vitalparameter, genitale, rektale Untersuchung, orientierende neurologische Untersuchung
**Die septische Enzephalopathie als frühes Zeichen einer beginnenden Sepsis darf nicht als Demenz oder neu aufgetretene psychische Störung fehlinterpretiert werden und eine zeitnahe antiinfektive Therapie verzögern.
 
*'''Laborparameter'''
**Mindestanforderung großes Blutbild, Gerinnung, Leber-, Nierenwerte, CRP, PCT, LDH, Laktat
*'''Mikrobiologische Diagnostik'''
**Die mikrobiologische Basisdiagnostik besteht aus mindestens 2 (besser 3) Blutkulturpaaren (siehe Handlungsempfehlung Blutkultur-Diagnostik). Bei Vorhandensein zentraler Gefäßzugänge sollte aus diesen jeweils 1 Blutkulturpaar entnommen werden plus mindestens 1 Blutkulturpaar aus einem neu platzierten i.v.-Zugang oder durch Gefäßpunktion.
**Weiterführende Diagnostik erfolgt gezielt nach Infektionsfokus z.B. Urin, Atemwegsmaterial, Gelenk- oder anderen Punktaten, s. bei den spezifischen Kapiteln
*'''Bildgebung''':
**nach Infektionsfokus,
**s. bei den spezifischen Kapiteln

Latest revision as of 14:52, 20 December 2024

Die dysregulierte Immunantwort auf eine Infektion (Auslöser der Sepsis) ist für die Entstehung und den Verlauf der Sepsis entscheidend. Dabei ist das Gleichgewicht zwischen pro- und anti-inflammatorischen Faktoren / Mechanismen gestört. Diese Dysregulation führt zu Störungen der Mikrozirkulation und der mitochondrialen und immunologischen Funktion mit konsekutiver Störung der Organfunktionen. Folgende Organe können betroffen sein: ZNS (septische Enzephalopathie), Lunge (ARDS), Niere (ANV), Leber (akutes Leberversagen), Herz (septische Kardiomyopathie), Darm (paralytischer Ileus).

Die Diagnostik stützt sich zum einen auf das Erkennen der Sepsis und die Evaluation der Organfunktion und zum anderen auf die mikrobiologische Diagnostik der zu Grunde liegenden Infektion.