DGI:Abdominelle Infektionen/Therapie: Difference between revisions
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Revision as of 13:51, 4 June 2021
Therapie
90% aller Patienten mit einer IAI benötigen eine chirurgische Herdsanierung. Begleitend muss eine zielgerichtete adäquate antibiotische- und ggf. intensivmedizinische Therapie erfolgen, es sei denn, es handelt sich um eine unkomplizierte IAI. Bei einer erfolgreichen Herdsanierung ist dann, außer einer perioperativer Antibiotikaprophylaxe, keine weitere antiinfektive Therapie erforderlich. Ansonsten ist die unverzügliche Einleitung angemessener Therapiemaßnahmen (Antibiotikatherapie, Herdsanierung, Stabilisierung der Homöostase, ggf. eine intensivmedizinische Therapie), insbesondere im Rahmen einer Sepsis, ein kritischer Faktor für den Therapieerfolg.
Empirische Antibiotikatherapie
Die Auswahl einer adäquaten antibiotischen Therapie orientiert sich am Fokus der IAI (z.B. Cholecystitis, Sigmadivertikulitis) sowie der individuell vorliegenden Form der Peritonitis (Tabelle 2). Diese gibt orientierend Aufschluss über das einzusetzende Spektrum (Tabelle 3). Im Anschluss muss zusätzlich evaluiert werden, ob ein Risiko für die Beteiligung von MRE und/oder Enterokokken besteht (Tabelle 4). Darauf basierend kann schließlich ein passendes Medikament aus Tabelle 5 ausgewählt werden. Die Indikation für eine ergänzenden empirische antimykotische Therapie wird im nächsten Kapitel dezidiert aufgeführt.
| Schwergrad der Erkrankung | ||||||
| Mild
(Infektion) |
Moderate
(Sepsis) |
Schwer
(Septischer Schock) | ||||
| Ambulant erworben oder IAI frühe nosokomiale IAI (<7d nach Krkhs Aufnahme) | ||||||
| Ohne Perforation | 1 | 1 | 2 | |||
| Lokale Peritonitis | 1 | 1 | 2 | |||
| Diffuse Peritonitis | 1 | 2 | 2 | |||
| Späte nosokomiale IAI (>7d nach Krkhs Aufnahme) | ||||||
| Ohne Perforation | 2 | 2 | 2 | |||
| Lokale Peritonitis | 2 | 2 | 3 | |||
| Diffuse Peritonitis | 2 | 3 | 3 | |||
| Kategorie | Therapiebereich | ||||||||
| Basisspektrumgram-positiv/–negativ, anaerob | Nosokomial gram-negativ | Enterokokken | Candida spp. | ||||||
| 1 | + | - | - | - | |||||
| 2 | + | + | + | - | |||||
| 3 | + | + | + | + |
Kategorie 1: Basisspektrum, gram-positiv/–negativ, anaerob, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4Kategorie 2: Spektrum zusätzlich zu Kategorie 1 nosokomial gram-negativ + Enterokokken, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4
Kategorie 3, Spektrum zusätzlich zu Kategorie 2 Candida spp., Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4
| Risiko | MRE | Enterokokken |
| Risikofaktoren | · Postoperative Peritonitis
· Tertiäre Peritonitis · Antibiotikavortherapie in den vorhergehenden 8 Wochen · Verlegung aus Land/Region mit hoher MRE Prävalenz · Häufige und kürzlich stattgehabte Auslandsreisen in Länder mit hoher MRE-Prävalenz · Bekannte MRE Kolonisierung des Magen-Darm-Traktes · Immunsuppression · Hospitalisierung >7 Tage bei Diagnose |
· Septischer Schock bei antibiotischer Vortherapie
· Immunsuppression · Patienten mit Klappenprothesen · Patienten mit Rezidiv-Eingriffen und Sepsis |
| Klasse | Präparat | Erreger | Kategorie | ||||||||||
| Enterobacteriaceae WT | Pseudomonas aeruginosa WT | Enterobakterien ESBL | Enterokokken WT | Streptokokken WT | Staphylokokken WT | MRSA | VRE | Anaerobier | 1
Substanz i.v. Gabe |
2
Substanz i.v. Gabe |
3
Substanz i.v. Gabe | ||
| Penicilline | Amoxicillin/Clavulansäure | 3*2,2-4,4g | |||||||||||
| Ampicillin/Sulbactam | 3*2/1g | ||||||||||||
| Piperacillin/Tazobactam | 3*4,5g | 3*4,5g | 4*4,5g | ||||||||||
| Cephalosporine | Cefazolin (1) | ||||||||||||
| Cefuroxim (2) | 3*1,5g
+ Metronidazol |
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| Ceftriaxon (3a) | 1*2g
+Metronidazol## |
1*2g
+Metronidazol |
|||||||||||
| Cefotaxim (3a) | 3*2g
+Metronidazol## |
3*2g
+Metronidazol |
|||||||||||
| Ceftazidim (3b) | |||||||||||||
| Cefepim (4) | 3*2g
+Metronidazol |
3*2g
+Metronidazol | |||||||||||
| Ceftarolin# | |||||||||||||
| Nitroimidazol | Metronidazol | In Kombination 3*0,5g | |||||||||||
| Carbapeneme | Imipenem | 3*1g | |||||||||||
| Meropenem | 4*2g | ||||||||||||
| Chinolone | Ciprofloxacin** | Bei Penicillin Allergie 3*400mg + Metronidazol | Bei Penicillin Allergie 3*400mg + Metronidazol | ||||||||||
| Levofloxacin** | 2*500mg +Metronidazol | 2*500mg +Metronidazol | |||||||||||
| Moxifloxacin** | 1*400mg | 1*400mg | |||||||||||
| Glykopeptid | Vancomycin | Kombinationstherapie
für bis zu 3d 1.d 2*15mg/kg, danach nach TDM (15-20mg/l) 2*0,5-1g | |||||||||||
| Teicoplanin | Kombinationstherapie
für bis zu 3d 1.d 2*6-12mg/kg, danach 1*6-12mg/kg, TDM | ||||||||||||
| Glycylcyclin | Tigecyclin | Kombinationstherapie,
1.d 1*100mg, danach 2*50mg | |||||||||||
| Oxazolidinon | Linezolid ‘‘ 2*600mg | Bei VRE/MRSA 2*600mg | |||||||||||
| Zyklisches Lipopeptid | Daptomycin‘‘ 1*8-10mg/kg | ||||||||||||
| Epoxid | Fosfomycin | Keine first line Therapie, wenn nur in Kombination (Resistenzen) 3*4-8g | |||||||||||
| Monobactam | Aztreonam | 3*2g
+Metronidazol |
3*2g
+Metronidazol | ||||||||||
| gute Wirksamkeit zu erwarten | |||||||||||||
| Wirksamkeit nicht sicher vorhersagbar | |||||||||||||
| keine Wirksamkeit zu erwarten | |||||||||||||
Kategorie 1: Basisspektrum, gram-positiv/–negativ, anaerob, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum
Kategorie 2: Spektrum zusätzlich zu Kategorie 1 nosokomial gram-negativ + Enterokokken, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum
Kategorie 3, Spektrum zusätzlich zu Kategorie 2 Candida spp., Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum
‘‘ Daptomycin, Linezolid sind nicht für komplizierte Intraabdominelle Infektionen zugelassen
##: Beide Präparate können in Kombination mit Metronidazol, je nach Hausstandard gleichwertig verwendet werden
**Rote Hand Brief, nur nach kritischer Prüfung der Notwendigkeit
Eine nicht perforierte, nicht phlegmonöse Appendizitis benötigt keine postoperative Antibiose
Empirische antimykotische Therapie
Zusätzlich zur empirischen antibiotischen Therapie wird eine empirische antimykotische Therapie insbesondere für die Kategorie 1 und 2 (Tabelle 2 und 3) nicht empfohlen. Auf Basis der bisher erhobenen Evidenz konnte auch für die Kategorie 3 kein Überlebensvorteil für den empirischen Einsatz einer antimykotischen Therapie gezeigt werden. Vor diesem Hintergrund wird die empirische Gabe eines Antimykotikums auch bei Risikopatienten (schwere postoperative- oder tertiäre Peritonitis) kontrovers diskutiert. In Einzelfällen kann ein entsprechender Einsatz sinnvoll sein, wenn ein schweres Krankheitsbild (septischer Schock) sowie zusätzlich multiple Nachweise einer Kolonisierung mit Candida spp. vorliegen. Dabei ist kritisch zu prüfen, wie der Erregernachweis erfolgt ist. Abstriche insbesondere aus Drainagen bieten keine sinnvolle Grundlage für eine Beurteilung, da es sich häufig um eine Besiedlung des Ablaufsystems handelt. Für die empirische antimykotische Therapie sollte in der Regel ein Echinocandin verwendet werden [1]. Die folgenden Informationen können als Entscheidungshilfe in Grenzfällen genutzt werden.
Folgende Kriterien gelten als Risikofaktoren für eine invasive Candidiasis [2]:
- Lang andauernder Einsatz von Breitspektrumantibiotika
- systemische Gabe von Glukokortikoiden
- zentralvenöser Katheter
- parenterale Ernährung
- Kolonisation von mehr als einer Schleimhautregion mit Candida spp.
- komplizierte abdominalchirurgische Eingriffe (in der Regel nach Hohlorganperforation)
- protrahierte Granulozytopenie
- akutes Nierenversagen oder eine chronische Dialyse
Zusätzlich stellt das Vorliegen multipler, nicht als Kontamination zu wertender Kolonisierungsnachweise einen Risikofaktor für eine nachfolgende invasive Candidiasis dar und kann daher als Entscheidungshilfe für die Indikationsstellung zur empirischen antimykotischen Therapie genutzt werden. Einen Score zur annähernden Abschätzung der Indikation bietet der Candida Colonisation Index (CCI) nach Pittet et al. [3] (Abb. 3). Ein signifikanter CCI > 0,5 geht einer systemischen Infektion um 6 Tage voraus; der positive prädiktive Wert (PPW) lag bei 66%, der negative prädiktive Wert (NPW) bei 100%. Alternativ kann der Candida Score nach Leon et al. verwendet werden, wobei ein Score ≥ 3 mit dem Auftreten einer invasiven Candidiasis korreliert [2] (Tabelle 6).
| OP bei Aufnahme auf Intensiv | 1 Punkt |
| Vollständige parenterale Ernährung | 1 Punkt |
| Schwere Sepsis | 2 Punkte |
| Candida Kolonisation | 1 Punkt |
Erregerspezifische Therapie
Eine Anpassung der antiinfektiven Therapie entsprechend des nachgewiesenen Erregerspektrums sollte so früh wie möglich erfolgen. Tabelle 7 zeigt orientierend die aktuell neu verfügbaren Antiinfektiva für die Therapie von IAI durch MRE. Eine entsprechende Therapie sollte aber immer unter Berücksichtigung des aktuellen Antibiogrammes ausgewählt werden. Tabelle 8 gibt einen Überblick zur erregerspezifischen antimykotischen Therapie.
Auch im Setting der erregerspezifischen Therapie wird die Konsequenz eines Nachweises von Candida spp. und/oder Enterokokken aus dem Bauchraum oder aus Drainagesekreten kontrovers diskutiert. Der Nachweis beider Erregergruppen ist häufig das Ergebnis einer vorhergehenden intensiven Antibiotikaexposition und entsprechenden Selektion im Setting der tertiären Peritonitis. Bisherige Studien konnten zwar zeigen, dass ein entsprechender Nachweis mit einer ungünstigen Prognose assoziiert ist. Interventionelle Studien haben jedoch keine Verbesserung der Prognose basierend auf einer auf Enterokokken bzw. Candida spp. angepassten Therapie zeigen können. Daher bleibt unklar, ob der Nachweis dieser Erreger in diesem Setting tatsächlich eine klinische Relevanz hat, die über die eines Biomarkers für eine ungünstige Prognose hinausgeht. Aus diesem Grunde kann bei einem klinisch stabilen Patienten ohne aktuelle Hinweise einer floriden Infektion in Einzelfällen auch eine zuwartende Strategie verfolgt werden.
| Präparat | Erreger | ||||||||||||||||
| P. aerugionsa WT | P. aeruginosa AmpC | P. aeruginosa Porinverlust (oprD-loss) | P. aeruginosa Effluxpumpen | P. aeruginosa Carbapenem-R (Ø Carbapenemase) | P. aeruginosa MBL+ | Enterobacteriaceae WT | Enterobacteriaceae ESBL+ | Enterobacteriaceae OXA-48-like+ | Enterobacteriaceae KPC | Enterobacteriaceae Carbapenem-R (Ø Carbapenemase) | Enterobacteriaceae MBL+ (VIM,IMP,NDM) | Acinetobacter baumannii WT | Acinetobacter baumannii Carbapenem-R | Stenotrophomonas maltophilia WT | Stenotrophomonas maltophilia Carbapenem-R | ||
| Ceftazidim/ Avibactam | |||||||||||||||||
| Ceftolozan/ Tazobactam | |||||||||||||||||
| Imipenem/ Relebactam | |||||||||||||||||
| Meropenem/ Varbobactam | |||||||||||||||||
| Colisitin | |||||||||||||||||
| Cefiderocol | |||||||||||||||||
| Ceftobiprol | |||||||||||||||||
| Präparat | Erreger | |||||
| Candida albicans | Candida glabrata | Candida parapsilosis | Candida krusei | Aspergillus fumigatus | Aspergillus niger | |
| Fluconazol | ||||||
| Voriconazol | ||||||
| Isavuconazol | ||||||
| Caspofungin | ||||||
| Anidulafungin | ||||||
| Micafungin | ||||||
| Liposomales Amphotericin B | ||||||
Dauer der Therapie:
Bei klinisch stabilen Patienten mit einer entsprechenden Fokuskontrolle und fehlenden Anzeichen einer Sepsis kann die Antibiotikatherapie nach drei bis fünf Tagen beendet werden [3].
Bei schwer erkrankten Patienten und/oder Patienten, bei denen eine stabile Fokussanierung unmöglich ist, sollte die Antibiotikatherapie täglich kritisch reevaluiert werden. Unter Einbeziehung des Verlaufs der Entzündungsparameter sollte die Antibiotikatherapie so früh wie möglich beendet werden. Das Procalcitonin (PCT) ist hierfür ein gut geeigneter Parameter. Alternativ können CRP und auch Interleukin -6 (IL-6) zur Therapiesteuerung genutzt werden, wobei die vergleichsweise lange HWZ des CRP berücksichtigt werden muss.
Die Gabe einer Antibiotikatherapie >7d bei Patienten mit einem sanierten intraabdominellen Fokus ist außer bei Erregern wie Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeroginosa kritisch zu hinterfragen.
Bei einer IAI sollte bei einer antimykotischen Therapie, außer bei Nachweis in der Blutkultur an eine frühzeitige Deeskalation (Tag 5) gedacht werden. Lediglich ein systemischer Nachweis von Pilzen in der Blutkultur berechtigt eine Weiterführung einer antimykotischen Therapie >7d.
Im Einzelfall kann auch bei kritisch kranken Patienten mit einer tertiären Peritonitis eine längerfristige antimykotische Therapie überlegt werden. Die Studiendaten zeigen für diese Patienten eine erhöhte Mortalität, ohne dass eine antimykotische Therapie das Outcome verbessert. Bei systemischer Infektion sollte die Therapiedauer 14d ab der ersten negativen Blutkulturen betragen.
- ↑ Cornely OA, Bassetti M, Calandra T, et al.: ESCMID* guideline for the diagnosis and management of Candida diseases 2012: non-neutropenic adult patients. Clin Microbiol Infect 2012; 18 Suppl 7: 19-37.
- ↑ 2.0 2.1 Leon C, Ruiz-Santana S, Saavedra P, et al.: A bedside scoring system ("Candida score") for early antifungal treatment in nonneutropenic critically ill patients with Candida colonization. Crit Care Med 2006; 34: 730-7.
- ↑ 3.0 3.1 Pittet D, Monod M, Suter PM, Frenk E, Auckenthaler R: Candida colonization and subsequent infections in critically ill surgical patients. Ann Surg 1994; 220: 751-8.