DGI:Geschlechtskrankheiten/Klinisches Bild

From Infektiopedia
Revision as of 12:41, 14 June 2021 by imported>Bestem

Klinisches Bild

Klinisches Bild

Die Symptome von sexuell übertragbaren Infektion (STI) können je nach Erreger und Lokalisation vielfältig sein. Nichtsdestotrotz gibt es Leitsymptome, die auf eine STI hindeuten. Diese sind initial zumeist lokal und abhängig von der Lokalisation der Infektion. Je nach Erreger können bis 90% der Fälle asymptomatisch bleiben. So verlaufen beispielsweise bei Männern die Sex mit Männern (MSM) haben bis 85% der diagnostizierten rektalen Chlamydia trachomatis- und Gonokokkeninfektionen asymptomatisch[1[1]].

Leitsymptome

Je nach Eintrittspforte können unterschieden werden:

  • Lokale Hauteffloreszenzen (Rötungen, Ulzera, Bullae, Verrucae)
  • Urethritis (Ausfluss, Schmerzen, Brennen, Juckreiz)
  • Proktitis (Blutung, Schleimabgang, Schmerzen, Tenesmen)
  • Vaginitis und Zervizitis (vermehrter Fluor, Schmerzen)
  • Entzündliche Beckenerkrankung incl. Prostatitis und Adnexitis
  • Pharyngitis
  • Konjunktivitis

Die erregerspezifischen klinischen Leitsymptome sind Tabelle 1 zu entnehmen.

Nebst den genannten lokalen Leitsymptomen können insbesondere bei Organbeteiligung im Akutstadium systemische Infektionszeichen wie Fieber, Lymphadenopathie und Fatigue vorkommen. Bei einigen Erregern können im Verlauf Spätstadien mit neurologischen, chronisch-entzündlichen oder immunologischen Folgeerkrankungen und Infertilität auftreten.

Aufgrund des zum Teil hohen asymptomatischen Trägertums wird daher diskutiert und teilweise in Leitlinien empfohlen Menschen mit einem relevant erhöhten Risiko für Geschlechtskrankheiten regelmäßig zu screenen. Zu dieser Gruppe zählen unter anderem [2[2]]:

  • Menschen mit > 5 wechselnden Sexualpartner*innen
  • MSM (Männer, die Sex mit Männern haben)
  • Sexarbeiter*innen
  • Nutzer*innen einer HIV PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe für HIV)
  • Kondomloser Sex
  • Substanzgebrauch beim Geschlechtsverkehr („Chemsex“)


Tabelle 1: Inkubationszeit, Leitsymptome und Komplikationen häufiger sexuell übertragbarer Infektionen (STI)

Erreger Inkubationszeit Leitsymptome Komplikationen
Chlamydia trachomatis (CT) 7-21 Tage
  • Urethritis, Proktitis
  • Pharyngitis
  • Vaginitis, Zervizitis
  • Konjunktivitis
  • Lymphogranuloma venereum (Serovar L1-3)
  • Reitersyndrom (Arthritis, Konjunktivitis, Urethritis)
  • Adnexitis und Infertilität
  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom
Haemophilus ducreyi (HD) 3-5 Tage Schmerzloses Ulcus molle (evtl. multilokal) Abszedierung, Fistelbildung
Herpes simplex virus (HSV) 2-12 Tage Schmerzhafte gruppierte Vesiculae
  • Persistenz des Virus mit Möglichkeit rezidivierender Exazerbationen
  • Peripartale Infektion des Neonato
Humanes Papilloma-Virus (HPV) 2-3 Monate bis zum Auftreten von Feigwarzen

3-6 Jahre bis zum Auftreten von (Prä-) Kanzerosen

Condylomata acuminata (Feigwarzen)
  • Neoplasien
    • Anal intraepithelial (AIN) -> Analkarzinom
    • Zervikal intraepithelial (CIN) -> Zervixkarzinom
Neisseria gonorrhoeae (NG) 1-14 Tage
  • Urethritis, Proktitis
  • Pharyngitis
  • Vaginitis, Zervizitis
  • Konjunktivitis
  • Disseminierte Gonokokkeninfektion bei Immunsupprimierten
  • Reitersyndrom (Arthritis, Konjunktivitis, Urethritis)
  • Adnexitis und Infertilität
  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom
Mycoplasma genitalium (MG) 7-14 Tage
  • Urethritis, Proktitis
  • Pharyngitis
  • Vaginitis, Zervizitis
  • Adnexitis und Infertilität [19[3]]
  • Chronisches Beckenschmerzsyndrom 
Treponema pallidum (TP, Syphilis) 14-24 Tage*

*CAVE: grosse Varianz: 10–90 Tage

  • Stadium I:

Schmerzloses Ulcus durum, lokale Lymphadenopathie

  • Stadium II:

Stammbetontes nichtjuckendes Exanthem, Lymphadenopathie, Fieber, Müdigkeit, Haarausfall, Syphilide palmoplantare Exantheme

  • Stadium III:  Gummata, Mesaortitis (Aortenaneurysma), Tabes dorsalis


  • Eine ZNS-Beteiligung kann im Stadium II und III auftreten und meningitisch und/oder enzephalitisch verlaufen.
  • Lues connata bei Neugeborenen
Trichomonas vaginalis (TV) 5-30 Tage Vaginitis, Zervizitis (Fluor)

Epidemiologie

Mit Ausnahme für HIV und Syphilis besteht in Deutschland keine Meldepflicht (nach den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes). Epidemiologische Daten zu dem Vorkommen von STIs beruhen daher auf unterschiedlichen Quellen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzte 2016, dass jährlich weltweit etwa 376 Mio. neue Infektionen von vier behandelbaren STI bei 15-49-jährigen Personen auftreten, davon 127 Millionen durch Chlamydien, 87 Millionen durch Gonokokken, 6.3 Millionen durch Syphilis und 156 Millionen durch Trichomonas spp.)[3[4]]. Mehr als 500 Millionen Menschen leben mit einer Herpes genitalis-Infektion und geschätzt 300 Millionen Frauen haben eine HPV-Infektion[3[4]].

Dem ECDC wurden 2013 etwa 400.000 Chlamydien-, etwa 66.000 Gonokokken- und über 24.000 Syphilisinfektionen aus 26 Ländern übermittelt. Von den übermittelten Infektionen stammten bis zu 60% aus Großbritannien, während verschiedene zentral- und osteuropäische Länder nur vereinzelt Infektionen meldeten. Das ECDC geht daher von einer Untererfassung aus, da unter den EU-Mitgliedsstaaten weiterhin große Unterschiede in Teststrategien, Testmethoden und Surveillance bestehen. Eine zuverlässige Aussage zur wirklichen Situation in Europa kann anhand dieser Daten nicht getroffen werden [4[5]].

Die Epidemiologie unterscheidet sich auch in den einzelnen Risikogruppen. Gemäß Daten des RKI liegt bei MSM die allgemeine Prävalenz von STI bei 30%. Mycoplasma genitalium ist dabei der häufigste Erreger mit über 16% gefolgt von Chlamydia trachomatis (9.9%) und Neisseria gonorrhoe (8,9%)[5[6]].

Auffällig ist ein deutlicher Anstieg der Syphilis-Meldezahlen um 149% (zwischen 2009 und 2016). Mit 7889 gemeldeten Fällen wurde 2019 die bisherige Höchstzahl erreicht[FM1] , wie das RKI im epidemiologischen Bulletin 49/2020 berichtet. Bundesweit lag die Syphilisinzidenz bei 8,5/100000 Einwohner. Die bundesweit höchsten Inzidenzen wurden in Berlin gemeldet (62,8-117,8). Die höchste Inzidenz weisen Männer zwischen 30 und 39 Jahren auf. Achtzig Prozent der Fälle wurden bei MSM diagnostiziert[4[5]].
Bei Frauen ist Chlamydia trachomatis der häufigste Erreger. Insgesamt sind 3,8% der Chlamydientests (Chlamydienscreening unter 25 Jahren und Schwangerschaft) bei Frauen positiv[4[5][FM1] ]. Die Infektionen verlaufen bei 80% der Frauen und 50% der Männer asymptomatisch und bleiben häufig unerkannt. Koinfektionen mit Gonokokken treten bei 15% der infizierten Männer auf [4[5]].

Bei Hochrisikopopulationen (MSM und PrEP-User) sind Re- und Co-Infektionen mit mehreren Erregern häufig.

Prognose

Die bakteriellen STI (Chlamydien, Gonokokken, Mycoplasma, Syphillis) können erfolgreich kurativ antibiotisch behandelt werden. Unentdeckt oder unbehandelt sind sie häufig Ursache einer sekundären Infertilität oder führen zu Folgeerkrankungen (siehe Tabelle 1).

Einige virale STIs sind weiterhin nicht heilbar und erfordern eine lebenslange medikamentöse Therapie (HIV, HBV). Die Folgen sind sehr unterschiedlich und sind unter anderem abhängig von der Karzinogenität (HPV, HBV).

  1. Kent CK, Chaw JK, Wong W, et al.: Prevalence of rectal, urethral, and pharyngeal chlamydia and gonorrhea detected in 2 clinical settings among men who have sex with men: San Francisco, California, 2003. Clin Infect Dis 2005; 41: 6
  2. WHO. Global health sector strategy on sexual transmitted infections 2016–2021. Towards Ending STIs – WHO. 2016. http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/246296/1/WHO-RHR-16.09-eng.pdf.
  3. Huang C, Zhu HL, Xu KR, Wang SY, Fan LQ, Zhu WB. Mycoplasma and ureaplasma infection and male infertility: a systematic review and meta-analysis. Andrology. 2015 Sep;3(5):809-16. doi: 10.1111/andr.12078. PMID: 26311339.
  4. 4.0 4.1 RKI, Epidemiologisches Bulletin 3/10; 20-27.
  5. 5.0 5.1 5.2 Bremer, V., Dudareva-Vizule, S., Buder, S., an der Heiden, M., & Jansen, K. (2017). Sexuell übertragbare Infektionen in Deutschland: Die aktuelle epidemiologische Lage. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 60(9), 948–957. https://doi.org/10.1007/s00103-017-2590-1
  6. Jansen, K., Steffen, G., Potthoff, A., Schuppe, A. K., Beer, D., Jessen, H., … Trein, A. (2020). STI in times of PrEP: High prevalence of chlamydia, gonorrhea, and mycoplasma at different anatomic sites in men who have sex with men in Germany. BMC Infectious Diseases, 20(1). https://doi.org/10.1186/s12879-020-4831-4