DGI:Knochen-, Gelenks- und Protheseninfektionen/Spondylodiszitis/Klinisches Bild
Klinisches Bild
Leitsymptome
Kardinalsymptom sind starke Schmerzen meist des Rückens oder Nackens, die neu aufgetreten sind bzw. sich stark verschlechtert haben (> 85 % der Patienten, nächtliche Zunahme; meist deutlicher Klopfschmerz, Fersenfalltest positiv, bei Senkungsabszessen ggf. Hüftschmerz). AWMF, Taylor
Fieber tritt bei maximal der Hälfte der Patienten auf, zusätzliche neurologische Symptome bei ca. einem Drittel. Mylona 2009, Taylor
Da die Symptomatik relativ unspezifisch ist (DD: Volkskrankheit degenerative Wirbelsäulenerkrankungen), wird die Diagnose häufig erst nach 2-12 Wochen gestellt Chenot 2017, Eren 2014. Daher sollte bei neu aufgetretenen starken Schmerzen der Wirbelsäule und / oder neurologischer / radikulärer Symptomatik in Kombination mit erhöhtem Entzündungswerten, Fieber oder einer bekannten Blutstrominfektion/Endokarditis eine Spondylodiszitis mittels adäquater Bildgebung (s.u.) ausgeschlossen werden. ESCMID 2019, Taylor
Klinische Situationen
Eine Spondylodiszitis kann auf folgenden Infektionswegen erworben werden:
- Hämatogene Streuung (häufigster Infektionsweg) von entfernt liegendem Infektionsfokus (Haut-/Weichteil-, Urogenital-, device-assoziierte Infektion, Endokarditis...)
- Per continuitatem von benachbartem Infektionsfokus (z.B. infizierte Aortenprothesen, Pleuraempyem)
- Durch direkte Inokulation (traumatisch, postoperativ, durch Injektionen etc.)
Am häufigsten ist mit ca. 60 % die Lendenwirbelsäule betroffen, gefolgt von der Brustwirbelsäule in ca. 30 % und der Halswirbelsäule in ca. 10 %; bei ca. 10 % der Patienten sind mehrere Segmente befallen. AWMF, Taylor 2018 Je nach Patientenkollektiv sind bei mehr als der Hälfte der Patienten bei Diagnosestellung bereits Abszesse nachweisbar (paravertebral, epidural, Psoas-…).
Besonders gefährdet sind Patienten mit folgenden Risikofaktoren: AWMF, Mylona, Lestin
- Diabetes mellitus
- Fortgeschrittene Leberzirrhose / Chronischer Alkoholabusus
- Chronische Niereninsuffizienz / Dialyse
- Chronische Herzinsuffizienz
- Adipositas
- Maligne Erkrankungen
- Immunsuppressive Therapie
Epidemiologie
Die Spondylodiszitis ist eine relativ seltene Erkrankung (aktuelle Inzidenz: 2-4/100 000 (2020) AWMF, deren Häufigkeit in den letzten Jahren jedoch deutlich zugenommen hat [Kehrer, Jensen, Krogsgaard, Sur]. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Die Inzidenz steigt mit zunehmendem Alter an (über 50 Jahre 30/250.000) [Bundesamt Statistik 2015], sodass als eine Ursache das zunehmender Alter der Gesamtbevölkerung, Multimorbidität (siehe Risikofaktoren) sowie vermehrte medizinische Interventionen und verbesserte Diagnostik postuliert werden. Häufig lässt sich ein Krankenhausaufenthalt in den zurückliegenden Wochen bis Monaten mit entsprechenden invasiven Maßnahmen eruieren (z.B. infizierte Venenverweilkanülen, endoskopische Interventionen……). Bis zu 6 % aller Blutstrominfektionen mit S aureus werden im Verlauf durch eine Spondylodiszitis kompliziert. AWMF
Prognose
Je nach Patientenkollektiv, Ätiologie und Zeitpunkt der Einleitung einer adäquaten Therapie beträgt die Mortalität ca. 8 - 20 % AWMF, Yagdiran 2020, Taylor 2018.