Postexpositionsprophylaxe/HIV

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Kapitelinformationen
Stand: März 2023
Kapitelleitung: Christoph Boesecke
Autor:innen: Simon Weidlich, Christoph Spinner, Elena Rodriguez-Castellano
Reviewer:innen: Antonios Katsounas
Beteiligte Fachgesellschaften:
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Die Postexpositionsprophylaxe bei HIV ist stark abhängig vom Typ der Übertragung.

Wichtige Kategorien sind berufliche Exposition, parenteraler und sexueller Übertragungsweg.


Inhaltsverzeichnis

Klinisches Bild

Klinisches Bild bearbeiten

Klinische Situationen

Klinisches Bild/Klinische Situationen bearbeiten

Im folgenden wird unterschieden zwischen beruflicher Exposition, parenteraler und sexueller Übertragung.

Indikation zur HIV-PEP bei beruflicher Exposition
Expositionsereignis VL bei Indexperson >50 Kopien/ml oder unbekannt VL bei Indexperson <50 Kopien/ml
Massive Inokulation (>1 ml) von Blut oder anderer (Körper-) Flüssigkeit mit (potentiell) hoher Empfehlen Empfehlen
(Blutende) Perkutane Stichverletzung mit Injektionsnadel oder anderer Hohlraumnadel; Schnittverletzung mit kontaminiertem Skalpell, Messer o.ä. Empfehlen Anbieten
Oberflächliche Verletzung (z.B. mit chirurgischer Nadel) ohne Blutfluss

Kontakt von Schleimhaut oder verletzter/geschädigter Haut mit Flüssigkeit mit potentiell hoher Viruskonzentration

Anbieten Nicht indiziert
Perkutaner Kontakt mit anderen Körperflüssigkeiten als Blut (wie Urin oder Speichel)

Kontakt von intakter Haut mit Blut (auch bei hoher Viruskonzentration)

Haut - oder Schleimhautkontakt mit Körperflüssigkeiten wie Urin oder Speichel

Nicht indiziert Nicht indiziert
Indikationen zur HIV-PEP bei parenteraler Exposition
Expositionsereignis PEP-Indikation
Versehentliche Transfusion von HIV-haltigen Blutkonserven oder Erhalt von mit hoher Wahrscheinlichkeit HIV-haltigen Blutprodukten oder Organen PEP empfehlen
Nutzung eines HIV-kontaminierten Injektionsbestecks durch mehrere Drogengebrauchende gemeinsam PEP empfehlen; Abklären ob eine HIV-PrEP-Beratung sinnvoll ist und gewünscht wird.
Indikationen zur HIV-PEP bei sexueller Exposition
Sexuelle Exposition
Kontext Expositionsereignis PEP-Indikation
Bei infizierter Person mit bekanntem positiven HIV-Status. Ungeschützter insertiver oder rezeptiver vaginaler oder analer Geschlechtsverkehr (z. B. infolge eines geplatzten Kondoms) PEP empfehlen

- wenn Indexperson unbehandelt bzw. VL > 1000 Kopien/ml - wenn Behandlungsstatus nicht eruierbar

& Abklären ob eine HIV-PrEP-Beratung sinnvoll ist und gewünscht wird.

PEP anbieten

wenn VL der Indexperson 50-1000 Kopien/ml & Abklären ob eine HIV-PrEP-Beratung sinnvoll ist und gewünscht wird.

PEP anbieten

wenn VL der Indexperson 50-1000 Kopien/ml & Abklären ob eine HIV-PrEP-Beratung sinnvoll ist und gewünscht wird.

Bei unbekanntem HIV-Status des/der Partner:in Ungeschützter Analverkehr zwischen Männern PEP anbieten
Ungeschützter heterosexueller Vaginal- oder Analverkehr mit

a) aktiv intravenös Drogen konsumierendem Partner:in

b) mit bisexuellem Partner

c) mit Partner:in aus HIV-Hochprävalenzregion (v.a. Subsahara-Afrika)

PEP anbieten;

Eine Beratung zur HIV-PrEP empfehlen.

Ungeschützter heterosexueller Vaginal- oder Analverkehr

bei Vergewaltigung <abbr title="Statistische Expositionswahrscheinlichkeit sehr gering <= 1:10.000)" style="cursor:help; border-bottom:1px dotted #666; font-style:normal;">ⓘ

Keine Einigkeit bezüglich PEP-Indikation
Ungeschützter heterosexueller Vaginal- oder Analverkehr (auch mit Sexarbeiter:in) Keine PEP-Indikation

Ggf. über die Möglichkeit einer HIV-PrEP aufklären.

Ungeschützter oraler Geschlechtsverkehr mit der Aufnahme von Sperma eines sicher oder wahrscheinlich HIV-infizierten Partners in den Mund Keine PEP-Indikation
Küssen / Kontakt von HIV mit Haut Keine PEP-Indikation

Epidemiologie

Klinisches Bild/Epidemiologie bearbeiten
  • Bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr liegt die statistische Wahrscheinlichkeit, dass bei dem/der Partner:in eine undiagnostizierte oder unbehandelte HIV-Infektion vorliegt in Deutschland bei ca. 1:10.000 oder darunter.
  • Bei homosexuellem Analverkehr zwischen Männern liegt die statistische Wahrscheinlichkeit, dass beim Partner eine undiagnostizierte oder unbehandelte HIV-Infektion vorliegt, in Deutschland zwischen ca. 1% und 3% (altersabhängig). In Großstädten und Szene-typischen Settings ist mit erhöhten Wahrscheinlichkeiten zu rechnen.
  • Bei ungeschütztem heterosexueller Vaginal- oder Analverkehr mit aktiv intravenös Drogen konsumierende:m Partner:in, bisexuellem Partner oder mit Partner:in aus HIV-Hochprävalenzregion (v. a. Subsahara-Afrika) liegt die statistische Expositionswahrscheinlichkeit in einem Bereich ~ 1:100.

Prognose

Klinisches Bild/Prognose bearbeiten

Eine akute HIV-Infektion soll bei fieberhaftem Krankheitsbild innerhalb von 2 Monaten nach Exposition bzw. nach Ende der Prophylaxe diagnostisch abgeklärt werden. Bei negativem HIV-Antikörper Nachweis könnte eine HIV-PCR notwendig sein.

Besonders verdächtig ist ein akutes Krankheitsbild innerhalb der ersten vier Wochen nach Exposition bzw. Ende der PEP.

Nach Ende der PEP sollte evtl. der Bedarf einer HIV-PrEP (HIV-Präexpositionsprophylaxe) evaluiert werden.

Diagnostik

Diagnostik bearbeiten

Diagnostische Schritte

Diagnostik/Diagnostische Schritte bearbeiten
Untersuchung / Test Indexperson Exponierte Person
Ausgangsuntersuchung Ausgangsuntersuchung 2 Wochen 6 Wochen/ nach PEP: 10 Wochen [122] 12 Wochen/ nach PEP: 16 Wochen
HIV-Antikörper X X X X
HBsAg 100 IE/ml innerhalb der letzten 10 Jahre) ist eine Testung der Indexperson auf HBsAg nicht erforderlich – bei fehlender Impfanamnese und bestehender Impfindikation Impfung empfehlen (siehe Impfempfehlung der STIKO: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2013/Ausgaben/34_13.pdf?__blob=publicationFile , S.341-342)" style="cursor:help; border-bottom:1px dotted #666; font-style:normal;">ⓘ X X
Anti HBc- und Anti HBs-Antikörper 100 IE/ml innerhalb der letzten 10 Jahre) ist eine Testung der Indexperson auf HBsAg nicht erforderlich – bei fehlender Impfanamnese und bestehender Impfindikation Impfung empfehlen (siehe Impfempfehlung der STIKO: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2013/Ausgaben/34_13.pdf?__blob=publicationFile , S.341-342)" style="cursor:help; border-bottom:1px dotted #666; font-style:normal;">ⓘ X X* X*
HCV-Antikörper*** X X X* X*
HCV-RNA*** (X) X X
ärztliche Untersuchung X X** X
Medikamentenanamnese** X X X
Blutbild** X X
Transaminasen X X X***
Kreatinin/Harnstoff** X X
Bei sexuellem Risiko:

Weiteres STDs (Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien)

X* X* X* X*
Bei sexuellem Risiko:

(bei MSM) Kontrolle des HAV- Impfstatus

X X

* falls indiziert/ falls Exposition vorlag

** falls PEP genommen wird

*** HCV-RNA-Bestimmung bei der Indexperson falls diese anti-HCV positiv ist; nach beruflicher Exposition (z.B. NSV) Vorgehen bzgl. HCV gemäß S3-Leitlinie. HCV-RNA-Bestimmung bei der verletzten (exponierten) Person bei relevantem HCV-Übertragungsrisiko und bekannter oder möglicher HCV-Infektion der Indexperson) nach 2-4 und falls negativ 6 – 8 Wochen nach Exposition. Abschlusskontrolle (HCV-Antikörper und Transaminasen) nach HCV-Exposition nach 6 Monaten.

Differentialdiagnosen

Diagnostik/Differentialdiagnosen bearbeiten

Postexpositionsprophylaxe bei Hepatitis

Erreger

Humanes Immundefizienz-Virus (HIV)

Therapie

Empirische Therapie

Therapie/Empirische Therapie bearbeiten
  • Stich- oder Schnittverletzung, Kontamination geschädigter Haut: Spülung mit Wasser und Seife bzw. einem Antiseptikum, welches begrenzt viruzide Wirksamkeit aufweist
  • Kontamination (Auge oder Mundhöhle): Spülung mit Wasser von Auge und Mundhöhle

Erregerspezifische Therapie

Therapie/Erregerspezifische Therapie bearbeiten

Die PEP sollte so früh wie möglich nach einer Exposition eingeleitet werden (nach Möglichkeit sogar innerhalb von 24 Stunden und besser noch innerhalb von 2 Stunden). Liegt die mögliche Exposition vor mehr als 72 Stunden, kann nach derzeitigem Kenntnisstand eine Prophylaxe nicht mehr empfohlen werden.

Standardprophylaxe

  Dauer der PEP: 4 Wochen

  • Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin (Truvada® oder diverse Generika) 200/245mg 1x1
  • PLUS
    • INI RAL (Isentress®) 400mg 2x1
    • ODER RAL (Isentress®) 600mg 1x2
    • ODER DTG (Tivicay®)* 50mg 1x1

CAVE: Dolutegravir wegen V.a. Teratogenität kontraindiziert für Frauen im gebärfähigen Alter, bei denen eine Schwangerschaft nicht ausgeschlossen ist


Quellen


Einzelnachweise