DGI:Penicillinallergie/Klinisches Bild
Klinisches Bild
Fälschlicherweise angenommene Penicillinallergien führen zu einer - häufig lebenslangen - Vermeidung von ß-Laktam-Antibiotika und sind ein ernst zu nehmendes Public-Health-Problem durch:
- Schlechtere Wirksamkeit und/oder mehr Nebenwirkungen von Alternativantibiotika z.B. bei S. aureus-Bakteriämien, Endokarditis, periprothetischen Infektionen, Osteomyelitis oder anderen Infektionen, die eine Langzeittherapie oder Dauersuppression erfordern.
- Höhere Rate an postoperativen Wundinfektionen durch Verwendung von Ausweichpräparaten für die perioperative Antibiotikaprophylaxe wie Clindamycin oder Vancomycin. Als Ursache werden eine schlechtere (Staphylokokken-) Wirksamkeit, die schlechtere Gewebegängigkeit und das aufwändigere Timing (z.B. von Vancomycin) angenommen.
- Erhöhtes Risiko für Infektionen mit methicillinresistenten Staphylococcus aureus (MRSA) und vancomycinresistenten Enterokokken (VRE) und Clostridioides difficile.
- Höhere Mortalität
- Höhere Kosten durch teurere Ausweichpräparate, häufigerem Behandlungsversagen, längerer Verweildauer, mehr Intensivaufenthalte und höheren Wiederaufnahmeraten.
Klinik
Einteilung nach zeitlichem Auftreten
Die gebräuchlichste klinische Einteilung der allergischen Reaktionen erfolgt nach dem zeitlichen Auftreten und unterscheidet die Sofortreaktion von der verzögerten Reaktion:
Klinische Einteilung der allergischen Reaktion nach zeitlichem Auftreten:
mso-padding-alt:0cm 2.85pt 0cm 2.85pt"| Zeitraum | Klinik | |
| Sofortreaktionen | <1h | klassische Anaphylaxie Grad I-IV, Urtikaria, Angioödem, Asthma |
| Verzögerte Reaktionen | >1h; meist >6h bis Tage, seltener Wochen nach Exposition, ggf. erst nach Absetzen des Antibiotikums | Häufig: makulopapulöses Arzneimittelexanthem (Link: dann folgender Text: Auftreten in der Regel 4-10d nach Beginn der Medikamenteneinnahme, selten bis zu 14d nach Absetzen. In der Regel keine Schleimhautbeteiligung, keine Blasenbildung, keine gravierende Beeinträchtigung des Allgemeinzustandes abgesehen von Juckreiz, spontane Rückbildung über mehrere Tage bis Wochen)
Selten, aber potentiell lebensbedrohlich: SCAR (severe cutaneous adverse reaction): SJS (Steven Johnson Syndrome), TEN (toxisch epidermale Nekrolyse), AGEP (akute generalisierte exanthematische Papulose), DRESS drug reaction with eosinophilia and systemic symptoms); fixes Arzneimittelexanthem; Hepatitis, Nephritis |
Einteilung nach Pathomechanismus
Die Einteilung nach Pathomechanismus erfolgt nach Coombs und Gell in Typ I - IV Reaktionen:
mso-padding-alt:0cm 2.85pt 0cm 2.85pt"| Einteilung | Zeitraum | Effektormoleküle | Beispiele |
| Typ I | Sekunden-Minuten | IgE-vermittelt | Urtikaria, Pruritus, Angioödem, Flush
Anaphylaxie: Atemnot, Bradykardie, Hypotonie, Schock |
| Typ II | Minuten-Stunden | IgG-vermittelt, zytotoxisch | Hämolytische Anämien, Agranulozytose |
| Typ III | Stunden | Immunkomplex-vermittelt | Serumkrankheit, Nephritis, Arthritis, Immunkomplexvaskulitis |
| Typ IV
|
Stunden - Tage | T-Zellen | Makulopapulöse Exantheme, DRESS, AGEP |
Unspezifische Symptome:
· Hautrötung
· Ödeme, Quaddelbildung
· Juckreiz
· Durchfall, Magenschmerzen
· Kopfschmerzen, Müdigkeit
· Nur positive Familienanamnese
Differentialdiagnosen
· Virusexanthem: insbesondere bei Kindern
· Parainfektiöse (infekt-assoziierte) Urtikaria
· Parainfektiöse Exantheme (z.B. EBV-Infektion) – sog. „benign rashes“
· Jarisch-Herxheimer-Reaktion bei der Behandlung einer Syphilis mit Penicillin (auch im Zusammenhang mit Fieber/ Schüttelfrost zu beobachten)
· Kawasaki Syndrom (selten; bei Kleinkindern & Säuglingen)
· Allergische Reaktion auf andere, gleichzeitig applizierte Medikamente oder Zusatzstoffe
· Pseudoallergische Arzneimittelreaktion (Intoleranzreaktion)
· Andere Hauterkrankungen
Kreuzreaktivität
Im Gegensatz zur verbreiteten Vorstellung, der Betalaktamring (Link, dann folgender Text: Die Klassifikation der Betalaktamantibiotika erfolgt aufgrund der chemischen Struktur mit dem charakteristischen Betalaktamring in Penicilline, Cephalosporine, Monobactame und Carbapeneme. Kreuzreaktionen zu Carbapenem sind selten und betreffen weniger als 1% der Patienten mit Penicillinallergie. Kreuzallergien zwischen Penicillinen und Monobactamen sind nicht bekannt.) sei für anaphylaktische Reaktionen auf Cephalosporine verantwortlich, entsteht die Kreuzreaktivität durch die Ähnlichkeiten der R1-Seitenkette zwischen Penicillinen (sekundärer Thiazolidinring) und Cephalosporinen (sekundärer Dihydrothiazinring). (Link zur Tabellen 1a und 1b) Der Betalaktamring selbst wird bei den Cephalosporinen sofort in Metabolite degradiert, die nicht als Haptene fungieren.
Hier hervorzuheben ist Cefazolin mit einer einzigartigen R1 Seitenkette und somit geringer Kreuzreaktivität zu den auf dem Markt verfügbaren Penicillinen hat.
Merke: Kreuzreaktivität zwischen Penicillinen und Cephalosporinen ist selten.
| Ähnliche R1-Seitenkette, Kreuzreaktivität innerhalb einer Gruppe möglich | Abweichende R1-Seitenkette: Geringe Kreuzreaktivität | ||
| Gruppe 1 | Gruppe 2 | Gruppe 3 | |
| Penicillin G | Amoxicillin | Cefotaxim | Cefazolin |
| Cefoxitin | Ampicillin | Ceftazidim | Cefuroxim |
| Piperacillin | Ceftriaxon | Cefixim | |
| Cefaclor | Cefepim | ||
| Cefadroxil | Cefpodoxim | ||
| Cefalexin | |||