DGI:Abdominelle Infektionen/Therapie/Empirische Therapie

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Empirische antibiotische Therapie

Die Auswahl einer adäquaten antibiotischen Therapie orientiert sich am Fokus der IAI (z.B. Cholecystitis, Sigmadivertikulitis) sowie der individuell vorliegenden Form der Peritonitis (Tabelle 2). Diese gibt orientierend Aufschluss über das einzusetzende Spektrum (Tabelle 3). Im Anschluss muss zusätzlich evaluiert werden, ob ein Risiko für die Beteiligung von MRE und/oder Enterokokken besteht (Tabelle 4). Darauf basierend kann schließlich ein passendes Medikament aus Tabelle 5 ausgewählt werden. Die Indikation für eine ergänzenden empirische antimykotische Therapie wird im nächsten Kapitel dezidiert aufgeführt.


Tabelle 2: Klassifikation IAI nach Ausdehnung, Erwerb und Dauer
Schwergrad der Erkrankung
Mild

(Infektion)

Moderate

(Sepsis)

Schwer

(Septischer Schock)

Ambulant erworben oder IAI frühe nosokomiale IAI (<7d nach Krkhs Aufnahme)
Ohne Perforation 1 1 2
Lokale Peritonitis 1 1 2
Diffuse Peritonitis 1 2 2
Späte nosokomiale IAI (>7d nach Krkhs Aufnahme)
Ohne Perforation 2 2 2
Lokale Peritonitis 2 2 3
Diffuse Peritonitis 2 3 3
Tabelle 3: Erregerspektrum  
Kategorie Therapiebereich
Basisspektrumgram-positiv/–negativ, anaerob Nosokomial gram-negativ Enterokokken Candida spp.
1 + - - -
2 + + + -
3 + + + +

Kategorie 1: Basisspektrum, gram-positiv/–negativ, anaerob, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4Kategorie 2: Spektrum zusätzlich zu Kategorie 1 nosokomial gram-negativ + Enterokokken, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4

Kategorie 3, Spektrum zusätzlich zu Kategorie 2 Candida spp., Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum in Tabelle 4

Tabelle 4: Risikofaktoren für die Beteiligung von MRE und/oder Enterokokken
Risiko MRE Enterokokken
Risikofaktoren · Postoperative Peritonitis

· Tertiäre Peritonitis

· Antibiotikavortherapie in den vorhergehenden 8 Wochen

· Verlegung aus Land/Region mit hoher MRE Prävalenz

· Häufige und kürzlich stattgehabte Auslandsreisen in Länder mit hoher MRE-Prävalenz

· Bekannte MRE Kolonisierung des Magen-Darm-Traktes

· Immunsuppression

· Hospitalisierung >7 Tage bei Diagnose

·  Septischer Schock bei antibiotischer Vortherapie

·  Immunsuppression

·  Patienten mit Klappenprothesen

·  Patienten mit Rezidiv-Eingriffen und Sepsis

Tabelle 5: Auswahl antibiotische Therapie
Klasse Präparat Erreger Kategorie
Enterobacteriaceae  WT Pseudomonas aeruginosa WT Enterobakterien ESBL Enterokokken  WT Streptokokken WT Staphylokokken WT MRSA VRE Anaerobier 1

Substanz

i.v. Gabe

2

Substanz

i.v. Gabe

3

Substanz

i.v. Gabe

Penicilline Amoxicillin/Clavulansäure 3*2,2-4,4g
Ampicillin/Sulbactam 3*2/1g
Piperacillin/Tazobactam 3*4,5g 3*4,5g 4*4,5g
Cephalosporine Cefazolin (1)
Cefuroxim (2) 3*1,5g

+ Metronidazol

Ceftriaxon (3a) 1*2g

+Metronidazol##

1*2g

+Metronidazol

Cefotaxim  (3a) 3*2g

+Metronidazol##

3*2g

+Metronidazol

Ceftazidim (3b)
Cefepim (4) 3*2g

+Metronidazol

3*2g

+Metronidazol

Ceftarolin#
Nitroimidazol Metronidazol In Kombination 3*0,5g
Carbapeneme Imipenem 3*1g
Meropenem 4*2g
Chinolone Ciprofloxacin** Bei Penicillin Allergie 3*400mg + Metronidazol Bei Penicillin Allergie 3*400mg + Metronidazol
Levofloxacin** 2*500mg +Metronidazol 2*500mg +Metronidazol
Moxifloxacin** 1*400mg 1*400mg
Glykopeptid Vancomycin Kombinationstherapie

für bis zu 3d

1.d 2*15mg/kg, danach nach TDM (15-20mg/l)

 2*0,5-1g

Teicoplanin Kombinationstherapie

für bis zu 3d

1.d 2*6-12mg/kg, danach 1*6-12mg/kg, TDM

Glycylcyclin Tigecyclin Kombinationstherapie,

 1.d 1*100mg, danach 2*50mg

Oxazolidinon Linezolid ‘‘ 2*600mg Bei VRE/MRSA 2*600mg
Zyklisches Lipopeptid Daptomycin‘‘ 1*8-10mg/kg
Epoxid Fosfomycin Keine first line Therapie, wenn nur in Kombination (Resistenzen) 3*4-8g
Monobactam Aztreonam 3*2g

+Metronidazol

3*2g

+Metronidazol

gute Wirksamkeit zu erwarten
Wirksamkeit nicht sicher vorhersagbar
keine Wirksamkeit zu erwarten

Kategorie 1: Basisspektrum, gram-positiv/–negativ, anaerob, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum

Kategorie 2: Spektrum zusätzlich zu Kategorie 1 nosokomial gram-negativ + Enterokokken, Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum

Kategorie 3, Spektrum zusätzlich zu Kategorie 2 Candida spp., Farbe markiert primär zu empfehlendes Antibiotikum


‘‘ Daptomycin, Linezolid sind nicht für komplizierte Intraabdominelle Infektionen zugelassen

##: Beide Präparate können in Kombination mit Metronidazol, je nach Hausstandard gleichwertig verwendet werden

**Rote Hand Brief, nur nach kritischer Prüfung der Notwendigkeit

Eine nicht perforierte, nicht phlegmonöse Appendizitis benötigt keine postoperative Antibiose

Empirische antimykotische Therapie

Zusätzlich zur empirischen antibiotischen Therapie wird eine empirische antimykotische Therapie insbesondere für die Kategorie 1 und 2 (Tabelle 2 und 3) nicht empfohlen. Auf Basis der bisher erhobenen Evidenz konnte auch für die Kategorie 3 kein Überlebensvorteil für den empirischen Einsatz einer antimykotischen Therapie gezeigt werden. Vor diesem Hintergrund wird die empirische Gabe eines Antimykotikums auch bei Risikopatienten (schwere postoperative- oder tertiäre Peritonitis) kontrovers diskutiert. In Einzelfällen kann ein entsprechender Einsatz sinnvoll sein, wenn ein schweres Krankheitsbild (septischer Schock) sowie zusätzlich multiple Nachweise einer Kolonisierung mit Candida spp. vorliegen. Dabei ist kritisch zu prüfen, wie der Erregernachweis erfolgt ist. Abstriche insbesondere aus Drainagen bieten keine sinnvolle Grundlage für eine Beurteilung, da es sich häufig um eine Besiedlung des Ablaufsystems handelt. Für die empirische antimykotische Therapie sollte in der Regel ein Echinocandin verwendet werden [1]. Die folgenden Informationen können als Entscheidungshilfe in Grenzfällen genutzt werden.

Folgende Kriterien gelten als Risikofaktoren für eine invasive Candidiasis [2]:

  • Lang andauernder Einsatz von Breitspektrumantibiotika
  • systemische Gabe von Glukokortikoiden
  • zentralvenöser Katheter
  • parenterale Ernährung
  • Kolonisation von mehr als einer Schleimhautregion mit Candida spp.
  • komplizierte abdominalchirurgische Eingriffe (in der Regel nach Hohlorganperforation)
  • protrahierte Granulozytopenie
  • akutes Nierenversagen oder eine chronische Dialyse


Zusätzlich stellt das Vorliegen multipler, nicht als Kontamination zu wertender Kolonisierungsnachweise einen Risikofaktor für eine nachfolgende invasive Candidiasis dar und kann daher als Entscheidungshilfe für die Indikationsstellung zur empirischen antimykotischen Therapie genutzt werden. Einen Score zur annähernden Abschätzung der Indikation bietet der Candida Colonisation Index (CCI) nach Pittet et al. [3] (Abb. 3). Ein signifikanter CCI > 0,5 geht einer systemischen Infektion um 6 Tage voraus; der positive prädiktive Wert (PPW) lag bei 66%, der negative prädiktive Wert (NPW) bei 100%. Alternativ kann der Candida Score nach Leon et al. verwendet werden, wobei ein Score ≥ 3 mit dem Auftreten einer invasiven Candidiasis korreliert [2] (Tabelle 6).

zentriert


Tabelle 6: Candida Score nach Leon et al.
OP bei Aufnahme auf Intensiv 1 Punkt
Vollständige parenterale Ernährung 1 Punkt
Schwere Sepsis 2 Punkte
Candida Kolonisation 1 Punkt
  1. Cornely OA, Bassetti M, Calandra T, et al.: ESCMID* guideline for the diagnosis and management of Candida diseases 2012: non-neutropenic adult patients. Clin Microbiol Infect 2012; 18 Suppl 7: 19-37.
  2. 2.0 2.1 Leon C, Ruiz-Santana S, Saavedra P, et al.: A bedside scoring system ("Candida score") for early antifungal treatment in nonneutropenic critically ill patients with Candida colonization. Crit Care Med 2006; 34: 730-7.
  3. Pittet D, Monod M, Suter PM, Frenk E, Auckenthaler R: Candida colonization and subsequent infections in critically ill surgical patients. Ann Surg 1994; 220: 751-8.