DGI:Harnwegsinfektionen/Klinisches Bild/Klinische Situationen
Risikofaktoren
Geschlechtsunabhängig gibt es zahlreiche Risikofaktoren für die Entwicklung einer Harnwegsinfektion (1):
- Restharnbildung
- Dauerkatheter
- Harnsteine
- Immobilität
- Angeborene bzw. erworbene anatomische Veränderungen und Abflussstörungen der harnableitenden Wege
- Neurogene Blasenentleerungsstörungen
- Entgleister bzw. schlecht eingestellter Diabetes mellitus
- Antibiotikaeinnahme innerhalb der letzten 2 – 4 Wochen
Bei Frauen sind weitere Risikofaktoren zu nennen (1):
- Häufiger Geschlechtsverkehr („Honeymoon Zystitis“)
- Verhütung mit Scheidendiaphragmen und Spermiziden oder DMPA= Depot-Medroxyprogesteron-Acetat
Zuordnung in eine klinische Situation
Abhängig davon, welche klinische Situation vorliegt, gilt es diagnostische und therapeutische Maßnahmen auszuwählen. Um diese Zuordnung vorzunehmen, gilt es bei V.a. Harnwegsinfektion folgende Punkte zu berücksichtigen:
- Liegt eine unkomplizierte oder eine komplizierte Harnwegsinfektion vor?
- Handelt es sich um eine rezidivierende Harnwegsinfektion?
- Gibt es klinische Hinweise für eine obere Harnwegsinfektion, eine Pyelonephritis?
- Liegen eine Sepsis bzw. ein septischer Schock mit Fokus untere bzw. obere Harnwege vor?
- Handelt es sich um eine asymptomatische Bakteriurie?
- Unkomplizierte und komplizierte Harnwegsinfektionen
Bei der Definition einer „unkomplizierten Harnwegsinfektion“ handelt es sich um eine Ausschlussdefinition. Eine unkomplizierte Harnwegsinfektion liegt vor, wenn keine komplizierte Harnwegsinfektion festgestellt werden kann. Die Zuordnung sollte sowohl für die unteren als auch für oberen Harnwegsinfektionen angewendet werden.
Die Tabelle zeigt Veränderungen, Erkrankungen und Konstellationen, die zur Definition einer komplizierten Harnwegsinfektion führen (1)
| Anatomische Veränderungen | Funktionelle Veränderungen |
|---|---|
Angeborene anatomische Veränderungen
|
|
2. Rezidivierende Harnwegsinfektionen
Rund 10 % der Frauen klagen über rezidivierende Harnwegsinfektionen, welche definiert sind als ≥ 3 Episoden innerhalb der letzten 12 Monate bzw. ≥ 2 Episoden innerhalb der letzten 6 Monate. Hinsichtlich der Diagnostik wird sie, wie eine komplizierte Harnwegsinfektion betrachtet. Liegen mikrobiologische Befunde aus vorangegangenen Episoden vor, dann sollten sie bei der Auswahl der antibiotischen Therapie berücksichtigt werden.
3. Obere Harnwegsinfektion: Pyelonephritis
Anhand der klinischen Symptomatik, aber auch bildmorphologischer Veränderungen, z.B. in der Sonographie, kann die Diagnose Pyelonephritis gestellt werden. Hinsichtlich der Diagnostik wird sie wie eine komplizierte Harnwegsinfektion betrachtet. Die Zuordnung „unkompliziert“ bzw. „kompliziert“ kommt bei der Auswahl der Therapie zum Tragen. Je nach Zuordnung finden sich die Empfehlungen in den entsprechenden Kapiteln.
4. Urosepsis
Sowohl die untere als auch die obere Harnwegsinfektion kann Fokus für eine Sepsis bzw. einen septischen Schock sein. Je nach Definition der Sepsis gehen bis zu 31% der Fälle auf Harnwegsinfektionen zurück, die Mortalität liegt bei 20-40% (5). Da die Sepsis nicht nur mit einer erhöhten Mortalität, sondern auch mit dem Risiko für bleibende Schäden bei den Betroffenen assoziiert ist, ist eine frühe Diagnose/Verdachtsdiagnose entscheidend. Hierzu können die Empfehlungen aus der aktualisierten Sepsisleitlinie und die Ausführungen unter dem Infektiopedia-Artikel zur Sepsis genutzt werden. Die frühe Behandlung mit einer geeigneten antibiotischen Therapie geht mit einem besseren Outcome einher und ist im Therapieabschnitt bei den komplizierten Harnwegsinfektionen speziell vermerkt.
5. Die asymptomatische Bakteriurie
Bei Nachweis von uropathogenen Erregern ohne Vorliegen einer klinischen Symptomatik oder einer Leukozyturie spricht man von einer asymptomatischen Bakteriurie. Ausführliche Informationen erhalten sie im Abschnitt: Die besondere klinische Situation: die asymptomatische Bakteriurie