Borreliose/Lyme Borreliose

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Kapitelinformationen
Stand: March 2025
Kapitelleitung: Hanni Bartels
Autor:innen: Ralf Scheidhauer, Ludwig Grüter
Reviewer:innen: Mark Oette
Beteiligte Fachgesellschaften:
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Inhaltsverzeichnis

Klinisches Bild

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Epidemiologie

Klinisches Bild/Epidemiologie bearbeiten

Die Lyme- Borreliose ist die häufigste zeckenübertragene Erkrankung und existiert in Asien, Europa und den USA. In Nordamerika findet sich ausschließlich die Spezies Borrelia burgdorferi sensu stricto (arthrotrop). In Europa finden sich zusätzlich die häufigere Borrelia garinii (neurotrop), gefolgt von  Borrelia afzelii (dermatotrop). Daher unterscheiden sich die klinischen Manifestationen zwischen Nordamerika und Europa. Die Acrodermatitis chronica atrophicans und das Lymphozytom finden sich praktisch nicht in Nordamerika. Dort manifestiert sich B. burgdorferi sensu stricto eher mit Gelenkbeteiligung. Bei neurotropen Manifestationen findet man am häufigsten Borrelia garinii. Die Acrodermatitis chronica atrophicans wird durch Borrelia afzelii hervorgerufen.


In Süddeutschland betragen durchschnittliche Infektionsraten ca. 1% bei Larven, 10% bei Nymphen und 20% bei adulten Zecken. Die Ausbreitungsgebiete der Lyme-Borreliose dehnen sich weiter aus. Lyme-Borreliose findet sich in Europa zwischen 35°N und 60°N, im Allgemeinen bis 1300 m über dem Meeresspiegel. Hierbei gibt es aber eine erhebliche Heterogenität bzgl. der räumlichen Ausdehnung. Es existiert ein Nord-Süd-Gefälle (die Antikörperlevel sind am höchsten im nördlichen und zentralen Teil Europas). Die sog. „population-weighted incidence“ manifester Erkrankungen in Westeuropa wird auf 22 Fälle pro 100.000 Personenjahre geschätzt, allerdings sind die Inzidenzdaten der einzelnen Länder hinsichtlich Qualität und Quantität nicht einheitlich. In manchen Hotspots finden sich > 100 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr (Teile von Slowenien, südliches Schweden, Deutschland, Österreich etc.). Die niedrigste Inzidenz findet sich in Italien. In sechs östlichen deutschen Bundesländern fanden sich schwankende Inzidenzen (34,9 Fälle auf 100.000 Einwohner 2009 versus 19,54 auf 100.000 Einwohner 2012). Schätzungen der Infektionsraten in Deutschland liegen zwischen 60.000 und > 200.000 Fällen/Jahr.


Das Risiko, an Lyme-Borreliose zu erkranken, ergibt sich einerseits aus der Zahl und Verbreitung der Zecken, andererseits aus der persönlichen Exposition. Berufliche Tätigkeiten in der freien Natur (Waldarbeiter, Forstarbeiter etc.) bzw. Freizeitaktivitäten wie Jagen, Pilzesammeln etc. führen zu erhöhtem Risiko. Besonders betroffene Altersgruppen sind Kinder (im Alter von 5-14 Jahren) und Erwachsene (im Alter von 50-64 Jahren).


Die Seroprävalenzen in Deutschland reichen von 7% der 14-17-jährigen bis 24,5% der 70-79-jährigen Männer sowie 16,4% der Frauen gleichen Alters. Eine jährliche Serokonversionsrate von 0,45% bei vorher Seronegativen wird angenommen.

Diagnostik

Diagnostik bearbeiten

Diagnostische Schritte

Diagnostik/Diagnostische Schritte bearbeiten
Anamnese, Basisdiagnostik

Vor Durchführung weiterführender Diagnostik, sollte immer eine ausführliche Anamnese und gründliche körperlich Untersuchung des Patienten erfolgen.

Dabei sind insbesondere folgende Aspekte zu beachten:

  • Ist ein Zeckenbiss erinnerlich? / Steckt die Zecke noch im Körper?
  • Sind Zeckenbisse in der Vergangenheit erinnerlich?
  • Neurologische Symptome?
  • Kutane Symptome?
  • Eindeutiges Erythema migrans? -> Keine weitere Diagnostik zur Einleitung einer Therapie notwendig
Labordiagnostik

Am häufigsten erfolgt die Diagnostik der Lyme – Borreliose mittels indirektem Erregernachweis durch Borrelien – Antikörper. Nur in besonderen Fällen kann im Anschluss ein Erregerdirektnachweis durch molekularbiologische Methoden oder Anzucht notwendig sein.


Indirekter Erregernachweis - Borrelienserologie

Die Diagnostik der Lyme – Borrliose sollte in Form einer serolgischen Stufendianostik erfolgen, um eine ausgewogene Sensitivtät und Spezifiät zu erreichen. Zunächst erfolgt ein Suchtest ( ELISA ggf. CLIA) mit hoher Sensitivität. Bei negativem Ergebnis ist der Befund als negativ zu werten, bei positivem Ergebnis erfolgt eine weitere Differenzierung mittels eines spezifischen IgG - und IgM - Blot (Line- , Immuno- oder Westernblot). Die endgültige Beurteilung richtet sich nach dem Bestätigungstest in Zusammenschau von Klinik und Anamnese.

Die Diagnostik mittels serologischen Antikörpernachweis unterliegt einer hohen Prätestwahrscheinlichkeit, weshalb eine Indikation zur Diagnostik lediglich bei begründetem klinischen Verdacht besteht.  

Keine Indikationen zur serologischen Untersuchung sind:

  • unpassende Anamnese und/ oder unspezifische Symptome
  • Ausschlussdiagnostik bei rheumatologischer Grunderkrankung
  • Serologische Verlaufskontrollen z.B. nach erfolgter Therapie
  • Zeckenstich ohne kutane oder systemische Symptome
  • Eindeutiges Erythema chronicum migrans? -> Keine weitere Diagnostik zur Einleitung einer Therapie notwendig
Interpretation und Stellenwert serologischer Ergebnisse

Die Interpretation serologischer Ergebnisse sollte immer in Zusammenschau von Klinik und des jeweiligen Stadiums der Lyme-Borreliose erfolgen.  Ein Rückschluss auf eine (aktive) behandlungsnotwendige Borreliose sollte niemals alleine auf Basis positiver Laborbefunden beruhen.

IgM-Antikörper zeigen sich in der Regel nach 3 – 6 Wochen nach dem Zeckenbiss, IgG-Antikörper erst nach mehreren Wochen bis hin zu Monaten. Zu beachten ist jedoch, dass der Nachweis von IgM-Antikörpern eine schlechtere Gesamtspezifität aufweist. Daher können auch isolierte IgG-Antikörper durch Verwendung sehr sensitiver VlsE-Antigene in der Frühphasenachgewiesen werden. Von diagnostischer Bedeutung ist, dass es bei der Lyme Borreliose zu einer jahrelangen Persistenz der Antikörper kommen kann, sowohl beim IgM als auch IgG. Dies schließt jedoch Reinfektionen nicht gänzlich aus.

Serokonversionen bzw. typische Veränderungen im Bandenmuster des Immunoblot können durch eine eingeleitete antibiotische Therapie beeinflusst und die Immunantwort so modifiziert werden. Deshalb ist zu erwähnen, dass die Bewertung des Therapieerfolges auf Grundlage der Klinik erfolgt, da die serologische Diagnostik in diesem Fall keinen Mehrwert an Informationen liefern kann. Eine Verlaufskontrolle zum Therapieerfolg ist daher nicht indiziert.

Kommerzielle Herstellersysteme arbeiten mit teils unterschiedlichen Interpretationskriterien von Antigenbanden Ihrer Immunoblots. Grundsätzlich gelten aber nach der aktuellen Leitlinie zu Hautmanifestationen der Borreliose folgende Kriterien und Zusammensetzung der Antigene anhand der Stufendiagnostik:

1. Stufe: ELISA der 2. oder 3. Generation


IgM und IgG getrennt bestimmen!

Bei positivem oder grenzwertigem Ergebnis 2. Stufe

2. Stufe: Immunoblot oder Line-Blot


(Je nach Hersteller gelten unterschiedliche Interpretationskriterien)

Bei Verwendung des Stammes PKo (B. afzelii) im Ganzzelllysat-Immunoblot:

IgG: positiv, wenn >=2 Banden von den folgenden vorhanden:

p83/100, p58, p43, p39, p30, OspC, p21, DbpA (Osp17), p14

IgM: positiv, wenn >=1 Bande von den folgenden vorhanden:

p41 (stark ausgeprägt), p39, OspC, DbpA (Osp17).


Bei Verwendung rekombinanter Antigene:

IgG: positiv, wenn >=2 Banden von den folgenden vorhanden:

p83/100, p58, p39, OspC, p41int, DbpA (Osp17), VlsE

Prinzipiell lässt sich der Immunoblot wie folgt bewerten: Das Auftreten eines schmalen Bandenspektrums inkl. Frühphase-Antigenen ( z.B. VlsE, OspC, p41) deutet eher auf eine Frühphase einer Borrelieninfektion, ein breites Bandenspektrum inkl. Spätphasenantigenen (z.B. p100, p17/p18) für eine Spätphase einer Borrelieninfektion.


Serologische Ergebnisse lassen sich wie folgt orientierend bewerten:

  • Bei klinischen Manifestationen der frühen lokalisierten Form (z.B. atyp. Erythema migrans), und bei früh disseminierten Formen (Borrelien – Lymphozytom, Karditis, ophtalmische Formen, Neuroborreliose):
    • Negative Antikörpersuchteste (IgG/ IgM): Kein Hinweis auf eine Borrelien-induzierte Infektion.
    • Positive IgM und/ oder IgG im Suchtest: Der Befund ist grundsätzlich vereinbar mit der Verdachtsdiagnose einer Borrelien-induzierten Infektion. Eine Bestätigung und ggf. Differenzierung mittels Immunoblot sollte angeschlossen werden. Eine Verlaufskontrolle ist nur zur Einschätzung mittels Titeranstieg und Veränderung im Bandenmuster indiziert. Bei V.a. Neuroborreliose ist eine Liquoruntersuchung obligat.
  • Bei klinischen Manifestationen der späten Form (Arthritis, Acrodermatitis chronica atrophicans, Neuroborreliose):
    • Negativer Suchtest (IgG/ IgM) oder isoliert postives IgM: Ergebnisse sprechen nicht für die Verdachtsdiagnose einer Borrelien-induzierten Infektion der Spätphase.
    • IgG-Antikörper positiv mit schmalem Bandenmuster im Immunoblot: Befund nicht eindeutig für die Verdachtsdiagnose. Differentialdiagnosen abklären.
    • IgG-Antikörper positiv mit einem breitem Bandenmuster im Immunoblot: Befund korreliert mit Verdachtsdiagnose. Ggf. weiterführende Diagnostik empfohlen.

  Grundsätzlich bei allen Stadien:

Sollte der Verdacht der Diagnose weiterhin bestehen und ist eine Erkrankungsdauer von weniger als 8 Wochen anamnetisch eruierbar sind serologische Verlaufskontrollen in 2 – 4 Wochen indiziert. Durch diese können eine eventuelle Serokonversion und/ oder das Auftreten neuer Antigenbanden angezeigt werden.

In besonderen Fällen ist ein PCR-Nachweis/ Anzucht mittels Nativmaterial (Biopsie/ Punktat) möglich. Zur Diagnostik der Neuroborreliose ist die Lumbalpunktion und Untersuchung des Liquors obligat.


Direkter Erregernachweis

Zur Verfügung stehen die kulturelle Anzucht und der molekularbiologische Nachweis mittels PCR. Der direkte Erregernachweis ist nicht als primärer Suchtest bei Verdacht einer Lyme – Borreliose geeignet, sondern nur indiziert bei uneindeutigen Fällen bei Immundefizienz, Neuroborreliose ohne Antikörperbildung und atypischen kutanen Manifestationen.

  • Kulturelle Anzucht:
    • Der Direktnachweis mittels Kultur ist diagnostisch beweisend für eine Borrelien-Infektion. Die Anzucht ist jedoch sehr arbeits–, material- und zeitaufwändig ( > 14 Tage).
    • Die Diagnostik sollte lediglich Spezial– bzw. Referenzlaboratorien vorbehalten sein, um eine ausreichende Qualität zu gewährleisten, da positive Ergebnisse molekularbiologisch bestätigt und differenziert werden müssen.
  • Molekularbiologische Nachweismethode mittels PCR:
    • Aktuelle molekularbiologische Nachweismethoden sind wenig standardisiert und sollten mikrobiologischen Referenzlaboren vorbehalten bleiben.
    • Der Nachweis von Borrelien erfolgt in der Regel bei Proben aus Hautbiopsien, Liquor und Gelenkpunktaten. Die Sensitivität ist denen der Anzucht ähnlich, lediglich bei Gelenkpunktaten/ Synoviabiopsien zeigt die PCR eine Überlegenheit.

Grundsätzlich gilt: Positive Ergebnisse sollten immer in klinischem Zusammenhang geprüft werden, negative Ergebnisse schließen Infektionen nicht aus.


Derzeit nach aktuellen Leitlinien nicht empfohlene Diagnostik (Auswahl):

  • Untersuchung der Zecke auf Borrelien
  • PCR Nachweis aus Urin
  • Lymphozyten – Transfomationstest (LTT, ELISPOT)
  • Immunoblot als Suchtest

Differentialdiagnosen

Diagnostik/Differentialdiagnosen bearbeiten

Bei anamnestisch gesichertem Zeckenbiss, sollte neben der Borreliose auch an andere durch Zecken übertragbare Erkrankungen gedacht werden.

  • Erythema chronicum migrans: Wundinfektionen ( Erysipel, Tinea), Exanthem (Allergisch, Toxisch etc.), Ringelröteln, unpezifische Reaktion auf Zecken-/Insektenstich
  • Neuroborreliose: Virale Infektionen ( Frühsommerenzephalitis, Varizella Zoster, etc.), Multiple – Sklerose, Guilliain – Barre´- Syndrom, Plexusneuritis, Polymyalgia rheumatica, Bandschibenprolaps
  • Lyme-Arthtritis: rheumatoide Arthritis,  Reaktive Arthritis, Pseudo-/ Gicht, Arthrose, Löfgren – Syndrom
  • Lyme-Karditis: infektiöse Endokarditis (andere Erreger), koronare Herzerkrankung

Erreger

Zum Borrelia burgdorferi sensu lato-Komplex gehört neben Borrelio burgdorferi sensu strictu, Borrelia afzelii sowie Borrelia garinii. Im Verlauf wurde B. garinii OspA-Typ 4 als neue Spezies Borrelia bavariensis klassifiziert. Zusätzlich wird der Spezies Borrelia spielmanii humanpathogenes Potential zugeschrieben. Dabei sind die Borrelia garinii, Borrelia bavariensis sowie Borrelia spielmanii Spezies dermatotrop, Borrelia garinii neurotrop und Borrelia burgdorferi sensu strictu arthrotrop.




Quellen

DGI:Borreliose/Lyme Borreliose/Quellen