DGI:CMV
CMV ist ein Virus aus der Familie der Herpesviridae. Die Primärinfektion erfolgt im Rahmen einer Schmierinfektion mit lebenslanger Viruspersistenz in Lymphknoten und Speicheldrüsenzellen. Eine Reaktivierung kann im Rahmen schwerer Immunsuppression (beispielhaft Chemotherapie, HIV, hämato-onkologische Systemerkrankungen) erfolgen mit führenden Manifestationen im Bereich: Auge, Darm, Leber, Lunge und ZNS.
Klinisches Bild
Klinische Situationen
Für die praktische Einordnung sind drei Risikokonstellationen zentral:
- HIV/AIDS: Endorganerkrankungen treten nahezu ausschließlich bei CD4-Zellzahlen < 100/µl und überwiegend < 50/µl auf; die Retinitis ist die häufigste Endorganmanifestation und AIDS-definierend.
- Solide Organtransplantation: höchstes Risiko bei seronegativem Empfänger und seropositivem Spender (D+/R−); möglich sind CMV-Syndrom, gewebsinvasive Erkrankung sowie Transplantatkomplikationen.
- Allogene Stammzelltransplantation: CMV-Reaktivierung ist häufig; ohne Prophylaxe oder präemptive Therapie droht insbesondere eine gewebsinvasive Erkrankung, klassisch die CMV-Pneumonitis.

Leitsymptome
Das klinische Spektrum reicht von asymptomatischer CMV-Virämie über das CMV-Syndrom bis zur gewebsinvasiven Endorganerkrankung. Ein Anfangsverdacht entsteht insbesondere bei passender Immunsuppression und organbezogenen Symptomen.
- Retinitis: schmerzlose Visusminderung, Gesichtsfeldausfälle, „Rußregen“/Mouches volantes oder Photopsien; funduskopisch weißlich-gelbe Nekrosen mit Blutungen.
- Ösophagitis/Kolitis: retrosternale Schmerzen, Odynophagie, Fieber, Diarrhö, abdominelle Krämpfe, Gewichtsverlust sowie Ulzera oder Blutungen.
- Pneumonitis: Dyspnoe, trockener Husten, Hypoxämie und diffus-interstitielle Infiltrate, besonders nach allogener Stammzelltransplantation.
- ZNS-Beteiligung: Enzephalitis, Ventrikulitis oder Polyradikulomyelitis; Diagnosesicherung über CMV-DNA im Liquor.
- Weitere Manifestationen: Hepatitis, Adrenalitis und selten Myokarditis.
Epidemiologie
Die CMV-Seroprävalenz ist alters- und sozioökonomisch abhängig und liegt bei Erwachsenen in Mitteleuropa etwa bei 45–60 %. Bei intakter Immunität verläuft die Infektion meist asymptomatisch. Klinische Relevanz entsteht vor allem bei zellulärer Immundefizienz, nach Transplantation oder unter intensiver Immunsuppression.
Prognose
Die Prognose hängt wesentlich von Organmanifestation, Immunsuppression, Geschwindigkeit der Diagnosestellung, antiviraler Wirksamkeit und Immunrekonstitution ab. Unbehandelte Retinitis kann zur Erblindung führen; ZNS-Beteiligungen und Pneumonitis sind prognostisch ernst. Unter konsequenter ART ist die Inzidenz von CMV-Endorganerkrankungen bei HIV deutlich gesunken.
Diagnostik
Diagnosekriterien
Diagnostisch muss zwischen CMV-Infektion/DNAämie und CMV-Endorganerkrankung unterschieden werden. Eine quantitative CMV-DNA-PCR aus EDTA-Plasma belegt eine Infektion beziehungsweise Virämie, beweist aber keinen Endorganbefall. Die Sicherung einer Endorganerkrankung erfolgt organbezogen, beispielsweise durch typische Funduskopie, Histologie beziehungsweise Immunhistochemie, CMV-DNA im Liquor oder BAL plus passendender Klinik.
Diagnostische Schritte

| Methode | Material | Stellenwert/Aussage |
|---|---|---|
| Quantitative CMV-DNA-PCR (NAT) | EDTA-PLasma, ggf. Liquor oder BAL | Standard für Screening, Diagnosestütze und Verlauf; Ergebnis in IU/ml nach WHO-Standard; plasmabasierte Virämie ist nicht beweisend für Endorganbefall. |
| Funduskopie | Auge, klinisch | Funduskopie Auge, klinisch Diagnose der Retinitis durch erfahrene Ophthalmolog:innen anhand typischer Läsionen. |
| Endoskopie + Biopsie, HIstologie/IHC | GI-Schleimhaut, Gewebe | Beweis der gewebsinvasiven Erkrankung, z. B. „Eulenaugenzellen“ und Immunhistochemie. |
| CMV-DNA im Liquor/BAL | Liquor, BAL | CMV-DNA im Liquor / BAL Liquor, BAL Sicherung von ZNS-Befall beziehungsweise Pneumonitis im klinischen Kontext. |
| Resistenztestung, Genotyp UL97/UL54 | Plasma | Bei Therapieversagen oder unter Therapie ansteigender Viruslast. |
| CMV-Immunmonitoring, z.B. QuantiFERON-CMV, ELISpot | Vollblut | Optional zur Risikostratifizierung und Steuerung der Prophylaxe-Dauer. |
Die pp65-Antigenämie ist historisch bedeutsam, wird in der Routine aber weitgehend durch die quantitative NAT ersetzt.
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnosen richten sich nach Organmanifestation und Immunsuppression. Klinisch relevante Alternativen sind unter anderem HIV-Retinitis anderer Ursache, Toxoplasmose, HSV- oder VZV-Infektionen, Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie, bakterielle oder mykotische Pneumonien, medikamentöse oder inflammatorische Kolitis sowie andere Ursachen von ZNS-Enzephalitis oder Polyradikulomyelitis.
Erreger
Erreger
Es handelt sich um ein humanes Herpesvirus 5 aus der Gruppe der Beta-Herpesviren. Das Virus ist
speziesspezifisch, d. h. es tritt ausschließlich bei Primaten auf und es existiert nur ein Serotyp.
Therapie
Therapie
Bei Immunkompetenten asymptomatische Patient:innen ist keine spezifische Therapie erforderlich.
Eine aktive CMV-Infektion führend bei Immunsuppression, kongenital infizierten Neugeborenen und Frühgeborenen wird primär mit Ganciclovir behandelt (s. Tablette für Dosierung). Im Falle einer Resistenz ist Foscarnet oder Cidofovir geraten.
Bedeutsam ist eine Erhaltungstherapie bei Immunsupprimierten mit Valganciclovir um Rezidive zu vermeiden. Darunter zeigen sich gehäuft ausgeprägtere Nebenwirkungen (Myelo- bzw. Nephrotoxizität).
Medikamentös ist keine Viruselimination zu erreichen, es handelt sich um eine Virusstatische Therapie. Aufgrund dessen ist es wichtig, falls möglich die systemischen Immunsuppression v. a. bei Stammzell-transplantierten Patient:innen zu reduzieren bzw. bei AIDS-Patient:innen die HIV-Therapie anzupassen oder falls Therapie-naiv eine entsprechende einzuleiten.
Kalkulierte Therapie
Das Therapiemonitoring bei Immunsuppression erfolgt mittels CMV-Viruslast Bestimmung einmal wöchentlich bzw. pp65 Virus Antigen Nachweis.
Im Falle eines klinischen Nichtansprechen oder einer anhaltenden CMV-Viruslast ist eine genotypische Resistenztestung zu veranlassen.
Erregerspezifische Therapie
| Klinische Situation | Präferenz | Substanz | Dosierung | Dauer | Anpassungen | Kommentar |
|---|---|---|---|---|---|---|
| HIV-Infektion (CD4 Zellzahl < 50/µl) |
Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir | 2 x 5 mg/kg i.v. | 2 - 3 Wochen | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz ab <70ml/min Crea-Clearance | Stark alkalische Lösung (pH 11) daher zentraler Zugang geraten |
| Allergie /
Unverträglichkeit / Resistenz |
Foscarnet | 2 x 90 mg/kg i.v. | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz ab <70ml/min Crea-Clearance | Suppressionstherapie 1 x 900 mg p.o. | ||
| oder
Cidofovir |
1 x 5 mg/kg/Wo i.v. | |||||
| +
Probenicid nach Cidofovir |
1 x 2 g 3 h vor
1 x 1 g 2 h + 8 h |
|||||
| oder
Valganciclovir |
2 x 900 mg p.o. | 2 - 3 Wochen | ||||
| Allogene Stammzelltransplantation, Organtransplantation | Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir | 2 x 5 mg/kg i.v. | 2 - 3 Wochen | ||
| Konnatal erworben, symptomatisch | Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir3 | 2 x 6 mg/kgKG i.v. | über 6 Wochen | Off-label use | |
| Allergie /
Unverträglichkeit |
Valganciclovir | 2 x 16 mg/kgKG | Einnahme zu den Mahlzeiten |
-Cidofovir: Dosierungsschema vor Infusion Hydrierung mit NaCl 0,9 % 1 Liter, Probenecid peroral, ggf. additiv Novaminsulfonsäure und/ oder Antiemetikum, Konzeptionsschutz bei Männern und Frauen während der Therapie als auch darüber hinaus für 1-3 Monaten.
Überprüfung Medikamenteninteraktion mit Probenecid u. a. mit Beta-Lactam Antibiotika
Einleitungstherapie 1 x wöchentlich für 2 Wochen, Erhaltungstherapie1 x alle 2 Wochen
Empirische Therapie
DGI:CMV/Therapie/Empirische Therapie
Kalkulierte Therapie
Kalkulierte Therapie
Das Therapiemonitoring bei Immunsuppression erfolgt mittels CMV-Viruslast Bestimmung einmal wöchentlich bzw. pp65 Virus Antigen Nachweis.
Im Falle eines klinischen Nichtansprechen oder einer anhaltenden CMV-Viruslast ist eine genotypische Resistenztestung zu veranlassen.
Erregerspezifische Therapie
Erregerspezifische Therapie
| Klinische Situation | Präferenz | Substanz | Dosierung | Dauer | Anpassungen | Kommentar |
|---|---|---|---|---|---|---|
| HIV-Infektion (CD4 Zellzahl < 50/µl) |
Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir | 2 x 5 mg/kg i.v. | 2 - 3 Wochen | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz ab <70ml/min Crea-Clearance | Stark alkalische Lösung (pH 11) daher zentraler Zugang geraten |
| Allergie /
Unverträglichkeit / Resistenz |
Foscarnet | 2 x 90 mg/kg i.v. | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz ab <70ml/min Crea-Clearance | Suppressionstherapie 1 x 900 mg p.o. | ||
| oder
Cidofovir |
1 x 5 mg/kg/Wo i.v. | |||||
| +
Probenicid nach Cidofovir |
1 x 2 g 3 h vor
1 x 1 g 2 h + 8 h |
|||||
| oder
Valganciclovir |
2 x 900 mg p.o. | 2 - 3 Wochen | ||||
| Allogene Stammzelltransplantation, Organtransplantation | Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir | 2 x 5 mg/kg i.v. | 2 - 3 Wochen | ||
| Konnatal erworben, symptomatisch | Therapie der 1. Wahl | Ganciclovir3 | 2 x 6 mg/kgKG i.v. | über 6 Wochen | Off-label use | |
| Allergie /
Unverträglichkeit |
Valganciclovir | 2 x 16 mg/kgKG | Einnahme zu den Mahlzeiten |
-Cidofovir: Dosierungsschema vor Infusion Hydrierung mit NaCl 0,9 % 1 Liter, Probenecid peroral, ggf. additiv Novaminsulfonsäure und/ oder Antiemetikum, Konzeptionsschutz bei Männern und Frauen während der Therapie als auch darüber hinaus für 1-3 Monaten.
Überprüfung Medikamenteninteraktion mit Probenecid u. a. mit Beta-Lactam Antibiotika
Einleitungstherapie 1 x wöchentlich für 2 Wochen, Erhaltungstherapie1 x alle 2 Wochen
Prophylaxe und Prävention
DGI:CMV/Prophylaxe und Prävention
Unterkapitel
Weiterführende Literatur und Hilfestellungen
Weiterführende Literatur und Hilfestellungen
1 bei CMV-Retinitis ist die CMV-PCR im Blut häufig negativ
2 CMV-DNA-Lasten von über 1000 IU/ml sind mit einem erhöhtem Risiko für eine systemische CMV-Erkrankung assoziiert
3 Spiegelbestimmung: < 0.5 - 1 mg/ml> 7 - 9 mg/ml
Anmerkungen der Redaktion
DGI:CMV/Anmerkungen der Redaktion
Quellen
Quellen
- Brodt, Hans Reinhardt: Stille Antibiotika Therapie, Klinik und Praxis der antiinfektiösen Behandlung. 2 Auflage.
- https://next.amboss.com/de/article/nf0752#Z33d59c26da10cb6030670c9557deb5e5
- Ärzteblatt DÄG Redaktion Deutsches. CMV: Hyperimmunglobulin kann Fetopathie in der Schwangerschaft nicht... Deutsches Ärzteblatt. Published September 8, 2021. Accessed November 7, 2021. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/126064/CMV-Hyperimmunglobulin-kann-Fetopathie-in-der-Schwangerschaft-nicht-verhindern
- Fakhreddine AY, Frenette CT, Konijeti GG. A Practical Review of Cytomegalovirus in Gastroenterology and Hepatology. Gastroenterol Res Pract. 2019;2019:6156581. doi:10.1155/2019/6156581
- Melendez DP, Razonable RR. Letermovir and inhibitors of the terminase complex: a promising new class of investigational antiviral drugs against human cytomegalovirus. Infect Drug Resist. 2015;8:269-277. doi:10.2147/IDR.S79131
- Munro M, Yadavalli T, Fonteh C, Arfeen S, Lobo-Chan AM. Cytomegalovirus Retinitis in HIV and Non-HIV Individuals. Microorganisms. 2019;8(1):E55. doi:10.3390/microorganisms8010055
- 093-002l_S2k_Virusinfektionen-Organtransplantierte-alloge-Stammzell-Transplantierten-Diagnostik-Praevention-Therapie__2019-06.pdf. Accessed November 7, 2021. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/093-002l_S2k_Virusinfektionen-Organtransplantierte-alloge-Stammzell-Transplantierten-Diagnostik-Praevention-Therapie__2019-06.pdf
- 2019_Schmidt_Sester_CME_CMV.pdf. Accessed November 7, 2021. https://www.uniklinikum-saarland.de/fileadmin/UKS/Einrichtungen/Kliniken_und_Institute/Infektionsmedizin/Prof_Transplantation/Diagnostik/2019_Schmidt_Sester_CME_CMV.pdf
- A Trial of Hyperimmune Globulin to Prevent Congenital Cytomegalovirus Infection | NEJM. Accessed November 7, 2021. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1913569
- HIV2020-21-1.pdf. Accessed November 7, 2021. https://www.hivbuch.de/wp-content/uploads/2020/11/HIV2020-21-1.pdf
- letermovir-dgho-dag-kbt-stellungnahme-20180605.pdf. Accessed November 7, 2021. https://www.dgho.de/publikationen/stellungnahmen/fruehe-nutzenbewertung/copy_of_letermovir/letermovir-dgho-dag-kbt-stellungnahme-20180605.pdf
- RKI - RKI-Ratgeber - Zytomegalievirus-Infektion. Accessed November 7, 2021. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Zytomegalievirus.html;jsessionid=13FA88DA454E7CD74309C4050B66B0D2.internet082#doc4738494bodyText10
Einzelnachweise