DGI:Nosokomiale Pneumonie

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Postexpositionsprophylaxe/HIV

Tuberkulose

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Die Nosokomiale Pneumonie (hospital-acquired pneumonia (HAP)) tritt definitionsgemäß frühestens 48 Stunden nach der stationären Aufnahme auf. Sie wird nach Patientenkollektiv in zwei Hauptkategorien unterteilt: Spontan atmenden Patient:innen und invasiv beatmeten Patient:innen (VAP, ventilator-associated pneumonia), wobei die meisten Daten zur Pneumonie unter Beatmung vorliegen.

Typische Symptome sind Fieber, Husten und Dyspnoe; bei beatmeten Patient:innen kann sich die Pneumonie jedoch auch durch eine Verschlechterung der Sauerstoffversorgung und vermehrtes Trachealsekret äußern.

Die Diagnose wird gestellt über ein neues, persistierendes oder progredientes Lungeninfiltrat in Kombination mit zwei von drei Kriterien (Leukozyten >10.000 oder <4000/µl, Fieber >38,3 °C, purulentes Sekret).

Zur Diagnosesicherung und für das weitere Management einer nosokomialen Pneumonie sollten – wenn möglich- Proben aus tiefem Bronchialsekret bzw. eine brochoalveoläre Lavage entnommen werden. Außerdem sollten Blutkulturen abgenommen werden, um eine Bakteriämie zu erkennen und einen möglichen extrapulmonalen Infektionsfokus zu klären.

Die häufigsten Erreger sind Staphylococcus aureus sowie gramnegative Stäbchen aus der Familie der Enterobacterales, zu denen unter anderem Escherichia coli und Klebsiella spp. gehören.

Die Therapie muss in Abhängigkeit vom Schweregrad des Krankheitsbildes schnell eingeleitet werden. Ein besonderer Fokus liegt auf der Identifikation der therapierelevanten Risikofaktoren, also dem Vorliegen eines septischen Schocks und dem Risiko für multiresistente Erreger (MRE) und Pseudomonas aeruginosa. Zu den Risikofaktoren für Letztere zählen ARDS, eine laufende Dialyse sowie eine innerhalb der letzten 30 Tage durchgeführte antibiotische Therapie

Aspekte des Antimicrobial Stewardship (AMS) sollten zur Therapieoptimierung sowie zur Vermeidung von Kollateralschäden und Resistententwicklung beachtet werden.

Dieser Artikel wurde im März 2025 überarbeitet. Die neuen Aspekte der im Januar 2024 veröffentlichten S3-Leitlinie zur HAP wurden integriert.

Terminologie der nosokomialen Pneumonie

Nosokomiale Pneumonien, auch als “Hospital acquired pneumonia" (HAP) bezeichnet, treten definitionsgemäß frühestens 48 Stunden nach Hospitalisierung auf.

Die aktuelle Leitlinie vom Januar 2024 verzichtet auf die traditionelle Unterscheidung zwischen "early onset" und "late onset" HAP, da diese Differenzierung in der klinischen Praxis nur begrenzten Nutzen bringt. Die Variantion des Erregerspektrums ist stärker abhängig von individuellen Risikofaktoren als von der bisherigen Dauer des stationären Aufenthaltes.

Es gibt HAP-Subgruppen wie die vHAP (beatmungspflichtige HAP) und die HAP, die mit nicht-invasiver Beatmung (NIV-HAP) assoziiert ist. Beide Subtypen werden in der aktuellen Leitlinie als Teil der HAP betrachtet, da sie hinsichtlich Pathogenese und Erregerspektrum den klassischen HAP-Fällen ähnlich sind und nach aktueller Datenlage keine separate Behandlung erfordern.


VAP (Ventilator Acquired Pneumonia): Bei der VAP handelt es sich um eine besondere Form der HAP. Als (VAP) ist eine Pneumonie bei Patient:in:innen definiert, die über mindestens drei Kalendertage maschinell beatmet wurden.

Diese Form der Pneumonie weist eine höhere Morbidität und Mortalität auf und erfordert spezifische Präventions- und Behandlungsansätze.


Abgrenzung zur VAT (Ventilator Associated Tracheobronchitis):

VAT ist als Entität noch nicht allgemeinverbindlich definiert. Das Autorenteam schlägt vor, eine VAT nur anzunehmen, bei

  • Zunahme von Menge und/ oder Purulenz des Atemwegssekrets und
  • Nachweis von pathogenen Erregern in den unteren Atemwegen.

Eine antimikrobielle Therapie ist nicht grundsätzlich nötig.

CAVE: Die Atemwege von invasiv beatmeten Patienten sind häufig kolonisiert. Ohne klinische Symptome einer Pneumonie oder einer schweren Infektion der unteren Atemwege (z. B. mit respiratorischer Verschlechterung) besteht keine Indikation für eine antimikrobielle Therapie!


Pneumonien bei immundefizienten PatientInnen, z. B. nach Transplantation, unter hochdosierter Chemotherapie oder mit AIDS bilden eine eigene Kategorie, die besondere Beachtung opportunistischer Erreger wie Pilze und multiresistenter Erreger (MRE) erfordert. Eine umfassende mikrobiologische Diagnostik und die Einbindung von FachärztInnen mit Erfahrung in der Behandlung immunsupprimierter PatientInnen sind essenziell. Die aktuelle Leitlinie betont die Notwendigkeit einer spezialisierten, differenzierten Therapie in diesen Fällen und schließt keine spezifischen Handlungsempfehlungen für diese Patientengruppen mit ein.


Schweregradeinschätzung

Bei HAP und VAP sind zur Schweregradbestimmung unverzüglich die Bestimmung der Sauerstoffsättigung, eine BGA inklusive Laktatmessung und ein Screening auf Sepsis durchzuführen.

Hierzu sollte in jedem Krankenhaus ein Sepsis-Screening-Tool implementiert werden. Es können dafür der National Early Warning Score (NEWS) oder der qSOFA-Score CAVE: eingeschränkter negativ prädiktiver Wert!) verwendet werden. Auf der Intensivstation wird nach Vorliegen der entsprechenden Parameter und Laborwerte der SOFA-Score empfohlen.

Details/ Sepsis-Scores: Siehe Infektiopedia-Artikel zur Sepsis.


Bei Verdacht auf Sepsis oder einer schweren respiratorischen Insuffizienz/ARDS ist von einem schlechteren Outcome, hoher Mortalität und stets von akuter Lebensgefahr auszugehen. Die Behandlung muss dann auf einer IMC- oder Intensivstation erfolgen.

Das folgende Sepsis-Bündel ist binnen 1 Stunde anzuwenden:

  • Asservieren von 2-3 Paar Blutkulturen
  • Breite und maximal dosierte antibiotische empirische Initialtherapie
  • Suffiziente Volumen- und Katecholamingabe-Steuerung über Laktat

Bei Bedarf sollte zudem eine ausreichende O2-Gabe und ggf. eine Beatmung veranlasst werden.

Das Erregerspektrum nosokomialer Pneumonien umfaßt Bakterien, Pilze und Viren. bei immunkompetenten Patient:in:innen eine untergeordnete Rolle spielen. In der folgenden Tabelle sind die relevanten bakteriellen Infektionserreger entsprechend ihrer Risikofaktoren aufgeführt. Multiresistente Erreger (MRE) sind insgesamt selten, erfordern jedoch eine gezielte Berücksichtigung bei Patient:in:innen mit spezifischen Risikokonstellationen.

Erregerspektrum bei Atemwegsinfektionen nicht invasiv beatmeter (NIV) Patienten Erregerspektrum bei Atemwegsinfektionen invasiv beatmeter (NIV) Patienten
Bakterien 55,7 %

45,2 % gramnegativ, 15,8 % grampositiv

3MRGN 3 %, 4MRGN 0,8 %

Bakterien 79,2 %

65,5 % gramnegativ, 22 % grampositiv

3MRGN 5,1 %, 4MRGN 1,6 %

Bakterien 55,7 %

- S. aureus 11,4 % (davon 2,5 % MRSA)

- K. pneumoniae 8,5 %

  (davon 0,6 % 3MRGN)

- E. coli 10,5 % (davon 0,8 % 3MRGN)

- P. aeruginosa 7,8 % (davon 0,8 % 4MRGN)

- E. cloacae 3,6 % (davon 0,5 % 3MRGN)

Bakterien 79,2 %

- S. aureus 17,1 % (davon 2,4 % MRSA)

- K. pneumoniae 11,7 % (davon 1,1 % 3MRGN)

- E. coli 13,6 % (davon 1,5 % 3MRGN)

- P. aeruginosa 13,3 % (davon 1 % 4MRGN)

- E. cloacae 4,9 % (davon 0,2 % 3MRGN)

Pilze 5,6 % Pilze 5,3 %
Viren 1,2 % Viren 0,3 %


Aktuelle Daten zur nosokomialen Pneumonie (HAP) in Europa zeigen, dass Serratia marcescens (2,3–4,3 %), Stenotrophomonas maltophilia (2,9–3,2 %), Haemophilus influenzae (2,4–3 %) und Streptococcus pneumoniae (ca. 1 %) seltene Erreger darstellen. Acinetobacter-Spezies weisen eine regionale Variabilität auf: In Westeuropa sind sie mit 1,9 % selten, während sie in Osteuropa mit bis zu 19 % häufiger vorkommen.

Der Stellenwert virale Erreger wird durch Zunahme entsprechender Diagnostik deutlicher, Viren können auch bei immunkompetenten Patient:in:innen Pneumonien auslösen. Wichtige Viren sind Influenza, Respiratorisches Synzytial-Virus (RSV) und SARS-CoV-2. Eine bakterielle Ko-Infektion verschlechtert das Outcome signifikant. Faktoren wie Alter, Saisonalität, geografisches Umfeld und Immunstatus beeinflussen die virale Ätiologie.

Auch wenn Aspergillus fumigatus bei immunkompetenten Patient:in:innen ein seltener Erreger nosokomialer Pneumonien ist, sollte insbesondere bei kritisch kranken Patient:in:innen an die Möglichkeit einer invasiven pulmonalen Aspergillose (IPA) gedacht werden. Die aktuelle Leitlinie betont die Bedeutung einer frühzeitigen Erkennung, da Risikofaktoren wie Leberzirrhose, Neutropenie, eine langfristige Steroidtherapie (>4 Wochen, >20 mg Prednisolon oder Äquivalent), COPD und rheumatologische Grunderkrankungen das Risiko deutlich erhöhen. Zudem haben schwere Influenza- und SARS-CoV-2-Verläufe insbesondere bei intensivpflichtigen Patient:in:innen das Potenzial, eine IPA zu begünstigen, weshalb dieser Aspekt in der Diagnostik und Therapieentscheidung berücksichtigt werden sollte.

Multiresistente Erreger (MRE) sind insgesamt selten, erfordern jedoch besondere Aufmerksamkeit bei der Therapieplanung.

Gemäß der aktualisierten S3-Leitlinie zur nosokomialen Pneumonie (Rademacher et al., 2024) gibt es bestimmte Mikroorganismen, die trotz ihres Nachweises in Atemwegsproben nicht als Erreger einer nosokomialen Pneumonie gelten. Dazu zählen:

Bakterien der oropharyngealen Standortflora:

○ Corynebacterium spp.

○ Apathogene Neisseria spp.

○ Alpha-hämolysierende (vergrünende) Streptokokken

○ Koagulase-negative Staphylokokken

Enterokokken:

○ Enterococcus faecalis

○ Enterococcus faecium

Pilze:

○ Candida spp.

Der Nachweis dieser Mikroorganismen, selbst in größerer Menge in invasiv gewonnenem Atemwegsmaterial, rechtfertigt in der Regel keine antimikrobielle Therapie. Die aktualisierte HAP- Leitlinie empfiehlt daher, die Diagnostik dieser Mikroorganismen auf Genus- bzw. Speziesebene zu beschränken und auf Resistenzbestimmungen zu verzichten, um Fehltherapien zu vermeiden. Prinzipien der Therapie

- Therapiebeginn so früh wie möglich

- Septischer Schock: innerhalb einer Stunde (“golden hour of sepsis”)

- Beginn direkt nach sofortiger Blutkultur und ggf. Atemwegssekret zur mikrobiologischen Untersuchung

- Keine Verzögerung durch Untersuchungen

- Kalkulierte Therapie anhand vom Vorliegen einer Sepsis sowie dem Risiko für MRE und P. aeruginosa (MRE-RF)


Therapierelevante Risikofaktoren für MRE und P. aeruginosa:

- Antimikrobielle Therapie (> 24 h)  in den letzten 30 Tagen

- Kolonisation mit MRE oder MRSA

- Medizinische Versorgung in Süd- und Osteuropa, Afrika, Naher Osten, Asien

- Septischer Schock, Sepsis-assoziierte Organdysfunktion

- ARDS

- Hämodialyse

- Risikofaktor für P. aeruginosa: Strukturelle Lungenerkrankung, Kolonisation

Kalkulierte antibakterielle Therapie

Risiko für MRE / P. aeruginosa
nein ja
Sept. Schock nein Ampicillin/Sulbactam

3 - 4 x 3 g i.v.

Amoxicillin/Clavulansäure

3 x 2,2 g i.v.

oder

Ceftriaxon 1 x 2 g i.v.

Cefotaxim 3 - 4 x 2 g i.v.

oder

Moxifloxacin

1 x 0,4 g i.v. oder p.o.

Levofloxacin

2 x 0,5 g i.v. oder p.o.

Piperacillin/Tazob. 4 x 4,5 g i.v.

oder

Cefepim 2 – 3 x 2 g i.v.

oder

Meropenem 3 x 1 - 2 g i.v.

ja Meropenem 3 x 1 - 2 g i.v. Pseudmonaswirksames Betalaktam (wie oben)

plus

Ciprofloxacin 3 x 0,4 g i.v.

oder

Levofloxacin 2 x 0,5 g i.v.

oder

Tobramycin 1 x 6 mg/kg i.v.

oder

Fosfomycin 3 x 4 - 5 g i.v.

Wenn MRSA-Verdacht, dann plus
Vancomycin Initialdosis 15-20 mg/kg i.v. (bei sehr schweren Infektionen 25-30 mg/kg i.v., maximal 3 g), Erhaltungsdosis (1 h): Dosierung nach Spiegelbestimmung (TDM), Ziel-Talspiegel im Serum: Intermittierende Dosierung 15-20 mg/l, kontinuierliche Gabe 20-25 mg/l

oder

Linezolid 2 x 0,6 g i.v. oder p.o.

Das Flussdiagramm in der Abb. gibt einen Überblick der empfohlenen Antibiotika.

Flussdiagramm zur kalkulierten Therapie der HAP („hospital-acquired pneumonia“). MRE multiresistente Erreger. (Mod. nach Rademacher et al. 2024)

Antifungale Therapie der IPA

- Therapie: möglichst früh Voriconazol, Isavuconazol oder liposomales Amphotericin B empfohlen, Posaconazol als Alternative

-

- Therapiedauer mind. 2 Monate, abhängig vom Ansprechen und Immunrekonstitution

- Therapieversagen: Spezies-Identifikation anstreben

Praktische Hinweise zur Therapie

- Prolongierte Gabe von Betalaktam-AB über 3-4 h bei Sepsis empfohlen

- Ggf. therapeutisches Drug-Monitoring (TDM), z. B. bei Niereninsuffizienz, Erreger mit hoher MHK

- Dosierung (hoch vs. Standard) beachten: bestimmte Erreger und Indikationen, “I” auf dem Antibiogramm

- Antivirale Therapie gegen Influenza mit Zanamivir und Oseltamivir möglich, gegen SARS-CoV-2 laut Leitlinie (jeweils schlechte Datenlage)

- Monotherapie mit Ceftazidim nicht empfohlen

- Kombinationstherapie nur nur bei MRE-RF und septischem Schock

- Keine regelhafte “double GN coverage ”

- Ergänzende inhalative Therapie nur als Ausnahme: Im Fall bestimmter MRE Colistin oder Aminoglykosiden erwägen (Dosier-/Anwendungsempfehlungen als Anhang der S3-Leitlinie verfügbar)

Reevaluation

Da die Diagnose der nosokomialen Pneumonie nur mit eingeschränkter Sensitivität und Spezifität gestellt werden kann, kommt der Reevaluation eine besondere Bedeutung zu

- Re-Evaluation nach 2-3 Tagen: Diagnose, Labor, Mikrobiologie, Bildgebung, klinisches Ansprechen,

- Bei klinischer Stabilisierung, dann De-Eskalation der Therapie, auch ohne Erregernachweis, in der Regel auf Monotherapie. Bei Erregernachweis, dann Therapiefokussierung

Therapiedauer

- Therapiedauer regelhaft 7-8 Tage, im Einzelfall länger (z. B. Empyem, Abszess, S. aureus-Bakteriämie, ARDS, septischer Schock)

- Therapieverkürzung per PCT möglich, bei Dauer < 7-8 Tage nicht relevant Immer Resistogramm berücksichtigen.

Keim Therapieoptionen (nach Resistenzsituation)
MRSA Vancomycin oder Linezolid als Monotherapie, Teicoplanin und Ceftobiprol. Ceftobiprol ist für die Behandlung der HAP, nicht jedoch VAP zugelassen
P. aeruginosa Cefepim, Piperacillin, Imipenem, Meropenem, Ciprofloxacin, Levofloxacin. Multiresistenz: Kombination mit Colistin erwägen nach Rücksprache mit Infektiologie / Mikrobiologie
ESBL Bei Enterobacteriaceae, die ESBL (Extendend-Spectrum-Beta-Laktamasen) produzieren, werden Carbapeneme empfohlen; CAVE: In Ländern mit hohem Carbapenem-Verbrauch Anstieg der Resistenz. Weitere gut wirksame Substanzen mit HAP-/VAP-Zulassung: Ceftazidim-Avibactam
Carbapenem-resistente Enterobacteriaceae (CRE) Colistin, möglichst in Kombination (z. B. mit Aminoglykosid), Fosfomycin, ein Carbapenem und Ceftazidim/Avibactam nach Rücksprache mit Infektiologie / Mikrobiologie
Acinetobacter baumannii Imipenem oder Meropenem. Falls Resistenz, dann Colistin, möglichst in Kombination mit einer weiteren in vitro wirksamen Substanz.
Stenotrophomonas maltophilia Klinische Relevanz – Besiedlung vs. Infektion? Co-TrimoxazolCotrimoxazol-Resistenz: Empfindlichkeitstestung auf Ceftazidim, Moxifloxacin, Levofloxacin

Umgang mit Therapieversagen

1.Diagnose „HAP“ korrekt? Überprüfen:

  • Resistente bakterielle Erreger
  • Nicht-bakterielle Erreger
  • Resistenzentwicklung unter Therapie
  • Unterdosierung der antimikrobiellen Therapie
  • Superinfektion mit „neuem“ Erreger
  • Einschmelzende/organüberschreitende Infektion oder Komplikation (z. B. Lungenabszess, Pleuraempyem)

2. Liegt eine andere Diagnose vor?

  • Andere Lungenerkrankung (z. B. interstitielle Lungenerkrankung, Atelektase, Karzinom)
  • Lungenödem / Herzinsuffizienz
  • Lungenembolie / Lungeninfarkt
  • Alveoläre Hämorrhagie
  • Aspiration

Bedingt durch die nicht eindeutigen Diagnosekriterien ist ein Endpunkt für Interventionsstudien zur Prävention der VAP / HAP oftmals schwierig zu definieren. Zudem ist das Patientenkollektiv sehr heterogen, so dass auch die Studienergebnisse häufig nicht eindeutig sind. Es sollte ein Maßnahmen-Bündel zur Prävention  etabliert werden. Gemäß der Studienlage und der KRINKO Empfehlungen sollten außer den üblichen Maßnahmen zur Vorhaltung von Personal, Einhaltung der Basishygiene, Surveillance und Schulung folgende Komponenten einfließen:

Die wichtigste Maßnahme zur Prävention der nicht-ventilator-assoziierten HAP ist eine suffiziente Mund- und Prothesenpflege (idealerweise Etablierung von Mundpflegeprotokollen) bei Risikopatienten und ein frühzeitiges Dysphagiescreening

● Zur HAP-Prävention tragen ebenfalls die frühe Mobilisierung, möglichst mit Einbindung der Physiotherapieabteilung, und das tgl. Atemtraining sowie die Aufklärung und Einbindung von Patient:in:innen und Angehörigen bei

● Strenge Indikationsstellung bei Protonenpumpeninhibitoren.

● Bei Anwendung von Sondenkost eine langsame und kontinuierliche Gabe.

Im Rahmen der VAP-Prävention sind weitere / zusätzliche Maßnahmen sinnvoll:

● Aseptischer Umgang mit Beatmungszubehör und  Absaugen sowie Medikamentenvernebelung unter aseptischen Kautelen sowie ein Beatmungssystem-Wechsel nicht öfter als alle 7d (außer bei Verschmutzung, Defekt). Es konnte keine Überlegenheit geschlossener oder offener Absaugsysteme gezeigt werden.

● Die Mund- und Zahnpflege sollte 1x pro Schicht erfolgen. Ob dabei antiseptische Substanzen für die Mundpflege zum Einsatz kommen sollten, ist derzeit in Diskussion.

● Atemgasbefeuchtung: Auch hierbei ist ein aseptisches Handling erforderlich.  Derzeit gibt es keine Evidenz für die  Überlegenheit aktiver oder passiver Systeme.

● Endotrachealtuben mit subglottischer Sekretdrainage bei erwarteter Beatmungsdauer > 72h, keine Empfehlung für Beschichtungen, besondere Geometrie oder Materialien. Der Cuffdruck sollte zwischen 20 und 30 cmH2O liegen und einmal pro Schicht oder kontinuierlich kontrolliert werden.

● Die Wahl der Lagerung sollte unter klinischen Aspekten erfolgen.   Für eine Senkung der Pneumonierate durch OK-Hochlagerung gibt es derzeit keine Evidenz. Bevorzugung enteraler Ernährung, keine Empfehlung für Probiotika; möglichst Verzicht auf Stressulkusprophylaxe, insbesondere bei enteraler Ernährung

● Selektive Darmdekontamination: Evidenz für präventiven Nutzen aus einem Niedriginzidenzland, jedoch Gefahr der Resistenzentwicklung

● Die Beatmungsdauer sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Sedierungsdauer und –tiefe so wählen, dass Extubation möglichst frühzeitig erfolgen kann. Dazu sollten Sedierungs- und Weaningprotokolle mit tgl. Spontanatmungs- und Aufwachversuchen etabliert werden. Wann immer medizinisch möglich Erwägen der nicht-invasiven Beatmung. Wenn eine Intubation erforderlich ist, ist die orotracheale gegenüber der nasalen Intubation zu bevorzugen.

● Auch im Rahmen der VAP-Prävention ist eine frühe Mobilisation von Bedeutung. Hierbei können auch Prähabilitationsprogramme unter Einbeziehen der Physiotherapieabteilung, die dem Patient:in:innen bereits präoperativ das Erlernen von Atemübungen ermöglichen, sinnvoll sein.

● Bei Patient:in:innen mit hohem Risiko: Impfung gegen Pneumokokken 2024

1. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) et al. S3-Leitlinie "Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patient:in:innen mit nosokomialer Pneumonie". Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), 2024.

2. Rademacher, J., Kluge, S. 10 Kernaussagen zur S3-Leitlinie „Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patient:in:innen mit nosokomialer Pneumonie“. Med Klin Intensivmed Notfmed 119, 502–505 (2024). DOI:

3. Leitlinie 2024. Leitlinienreport zum Update der S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patient:in:innen mit nosokomialer Pneumonie. AWMF 020-013.

4. Kurzfassung der Leitlinie Nosokomiale Pneumonie. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), 2024.

5. Deutsche Nationale Punkt-Prävalenzstudie zu nosokomialen Infektionen und Antibiotika-Anwendung. Abschlussbericht, 2022.

2022-2023

7. Urban, M., Meilinger, M., Hermann, M. et al. Nosokomiale Pneumonie und beatmungsassoziierte Krankenhauserreger. Anästhesie Nachr 4, 243–253 (2022). DOI:

2021

8. Sader HS, Streit JM, Carvalhaes CG, Huband MD, Shortridge D, Mendes RE et al. Frequency of occurrence and antimicrobial susceptibility of bacteria isolated from respiratory samples of patients hospitalized with pneumonia in Western Europe, Eastern Europe, and the USA: results from the SENTRY Antimicrobial Surveillance Program (2016-19). JAC-Antimicrob Resist. September 2021; 3(3): dlab117. DOI: 10.1093/jacamr/dlab117

9. Guerci P, Bellut H, Mokhtari M, Gaudefroy J, Mongardon N, Charpentier C, Louis G, Tashk P, Dubost C, Ledochowski S, Kimmoun A, Godet T, Pottecher J, Lalot JM, Novy E, Hajage D, Bouglé A. Outcomes of Stenotrophomonas maltophilia hospital-acquired pneumonia in intensive care unit: a nationwide retrospective study. Crit Care 2019; 23(1): 371. DOI: 10.1186/s13054-019-2649-5

2019-2020

9. Brunkhorst, F.M., Weigand, M.A., Pletz, M. et al. S3-Leitlinie Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge. Med Klin Intensivmed Notfmed 115, 37–109 (2020). DOI:

10. von Lilienfeld-Toal M. et al. Invasive Pilzinfektionen: Neue Herausforderungen und neue Therapieoptionen. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 271-8. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0271

2017-2018

11. Dahlhoff K et al. Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patient:in:innen mit nosokomialer Pneumonie - Update 2017. Pneumologie 2018, 72(01): 15-63.

12. Ewig S. Ventilator-assoziierte Tracheobronchitis. In: Nosokomiale Pneumonie. Springer Berlin Heidelberg, 2017. Print ISBN: 978-3-662-49820-0.

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2002-2015 (Sepsis und Procalcitonin-Studien)

17. Casserly B, Phillips GS, Schorr C et al. Lactate measurements in sepsis-induced tissue hypoperfusion: results from the Surviving Sepsis Campaign database. Crit Care Med 2015; 43: 567-573.

18. Ramirez P, Garcia MA, Ferrer M et al. Sequential measurements of procalcitonin levels in diagnosing ventilator-associated pneumonia. Eur Respir J 2008; 31: 356-362.

19. Duflo F, Debon R, Monneret G et al. Alveolar and serum procalcitonin: diagnostic and prognostic value in ventilator-associated pneumonia. Anesthesiology 2002; 96: 74-79.

Weitere Institutionelle Berichte und Empfehlungen

20. Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS), Robert Koch-Institut (RKI). Datenquelle

21. Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO). Prävention der nosokomialen beatmungsassoziierten Pneumonie. Bundesgesundheitsbl 2013; 56: 1578-1590. (Die aktuellste Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) zur Prävention der nosokomialen beatmungsassoziierten Pneumonie stammt aus dem Jahr 2013.                                                   In der 2024 veröffentlichten S3-Leitlinie "Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patient:in:innen mit nosokomialer Pneumonie" wurde bewusst auf neue Präventionsempfehlungen verzichtet und stattdessen auf die bestehenden KRINKO-Empfehlungen verwiesen. )

Anmerkung der Redaktion

1. Dalhoff et al; S-3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik und Therapie erwachsener Patienten mit nosokomialer Pneumonie – Update 2017. 

2. Brunkhorst, F.M., Weigand, M.A., Pletz, M. et al. S3-Leitlinie Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge. Med Klin Intensivmed Notfmed115, 37–109 (2020). https://doi.org/10.1007/s00063-020-00685-0

3. Melsen et al; Attributable mortality of ventilator-associated pneumonia: a meta-analysis of individual patient data from randomised prevention studies; Lancet ID 2013; http://dx.doi.org10.1016/S1473-3099(13)70111-7

4. Casserly B, Phillips GS, Schorr C et al. Lactate measurements in sepsis-induced tissue hypoperfusion: results from the Surviving Sepsis Campaign database. Crit Care Med 2015; 43: 567-573

5. Duflo F, Debon R, Monneret G et al. Alveolar and serum procalcitonin: diagnostic and prognostic value in ventilator-associated pneumonia. Anesthesiology 2002; 96: 74-79

6. Ramirez P, Garcia MA, Ferrer M et al. Sequential measurements of procalcitonin levels in diagnosing ventilator-associated pneumonia. Eur Respir J 2008; 31: 356-362

7. Mandell et al; Aspiration Pneumonia; NEJM 2019; 380:651-63; DOI: 10.1056/NEJMra1714562

8. Sakka SG et al , Antibiotikatherapie in der Intensivmedizin, Deutscher Ärzteverlag, 3. überarbeitete Auflage 2019, ISBN 978-3-7691-3655-5

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12.  Ewig S. Ventilator assoziierte Tracheobrochitis, Buchkapitel 22.  Aus Nosokomiale Pneumonie 2017. Print ISBN: 978-3-662-49820-0, Verlag: Springer Berlin Heidelberg

13. von Lilienfeld-Toal M. et al. Invasive Pilzinfektionen: Neue Herausforderungen und neue Therapieoptionen, Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 271-8; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0271

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